Am nächsten Tag stand unser erster Ausflug zu Fuß an, der uns zunächst über eine trockene steppenartige Ebene führte, in der vereinzelte vertrocknete und stachelige Büsche und Grasbüschel die einzige Vegetation darstellen. Und obwohl die Erde so lebensfeindlich erscheint, konnten wir schon von Anfang an überall die Spuren der vormals vorbei gezogenen Tiere erkennen. Neben den großen runden Elefantendung Haufen und den Zebra-Äpfeln und Büffel-Fladen war der Boden übersäht von Fußabdrücken und Spuren, von Knochen und Löchern, die offensichtlich zur Nahrungsbeschaffung ausgehoben wurden. Ich habe dann direkt versucht, mich daran zu erinnern welches Tier für die Spuren wohl verantwortlich sein könnte, aber zugegebenermaßen brauchte es einige Tage bis Teile des Wissens aus dem letzten Kurs dann wieder in mein Gehirn sickerten.
Nach einer groben dreiviertel Stunde kam dann Übergang von trockener, sandiger Landschaft zu einem regelrechten Wald, der mit seinem Fevertrees und deren charakteristischen grünen Rinde einen kompletten Kontrast zu der kahlen Ebene darstellten. Aus den Gipfeln der Bäume waren immer wieder Vogelrufe zu hören und auch die Erinnerung an die verschiedenen Vogelstimmen sollte erst nach einigen Tagen wieder ihren Weg in mein aktives Gedächtnis gefunden haben.
Aber der Schatten der Bäume war eine dankbare Abwechslung zu der im Tagesverlauf schnell einsetzenden Hitze in der offenen Fläche. Und wo Grünfutter ist sind Rüsseltiere selten weit und schon nach kurzer Zeit sind wir unserem ersten Exemplar der "Big 5" über den Weg gelaufen. Gemütlich die Äste der Fevertrees zwischen seinen riesigen Mahlzähnen vermalmend war er sich der Masse an Schaulustigen gar nicht gewahr, die sich langsam näherten.
Und genau darum soll es bei den Bushwalks auch gehen - sich den "gefährlichen" Tieren anzunähern, idealerweise ohne selbst entdeckt zu werden und die Tiere so zu stören. Zum "Dangerous Game" gehören dabei definitionsgemäß die Big 5 - Elefant, Büffel, Nashorn (Spitzmaul und Breitmaul), Löwen und Leoparden - sowieso Tüpfelhyänen, Krokodil und Flusspferde.
Während der Ausbildung müssen sogenannte "Encounters", also Begegnungen mit diesen Tieren gesammelt und dokumentiert werden, was dann gemeinsam mit der insgesamt zu Fuß in Busch absolvierten Zeit ein Zulassungskriterium für die Abschlussprüfung ist. Dabei sollen wir beispielsweise lernen, anhand der Windrichtung, Sonnenstand, möglicher Deckung durch Bewuchs oder Landschaft und der zu erwartenden Bewegungsrichtung der Tiere lernen zu planen, wie man ihnen nahe kommen kann, ohne sie unnötig zu stören oder sogar aggressive Reaktionen hervor zu rufen.
Eine große Rolle spielen dabei auch die jeweils äußerst unterschiedlich ausgeprägten Sinneswahrnehmungen der einzelnen Gattungen. So hat der Elefant beispielsweise ein hervorragendes Gehör und einen ausgezeichneten Geruchssinn, jedoch sind seine Augen trotz seiner Größe nur so groß wie die eines Menschen und er kann nur auf ca. 50m scharf sehen. In solchen Fällen ist es also von größter Wichtigkeit, sich von der windabgewandten Seite, also von Lee her zu nähern und möglichst keine Geräusche zu verursachen.
Mit all den Stöcken und trockenen Blättern auf dem Boden ist das allerdings alles andere als einfach. Insbesondere der Appleleaf Tree hat seinen Namen daher, dass beim zertreten seiner herabgefallenen Blätter das Geräusch entsteht, das bei einem kräftigen Biss in einem Apfel zu hören ist. Nicht schwer vorstellbar, dass der Elefant in solchen Fällen allein schon aufgrund des recht geringen Angebots an freilaufenden Äpfeln weniger von einem schmatzenden Artgenossen als von sich nähernden Zwei- oder Vierbeinern ausgeht und sich aufmerksam umschaut und den Rüssel reckt.
In solchen Fällen zu erkennen, ob das Tier zunächst einmal versucht den potenziellen Störenfried in seiner Nähe auszumachen oder ob er aufgrund eines ausgeprägten Stimmungstiefs seine Vorbereitungen zum Angriff trifft ist eines der wichtigsten Lernziele der nächsten 4 Wochen.
Der eine Elefant sollte an diesem Tag das einzige gefährliche Tier bleiben, dem wir uns hätten nähern können und nach 4,5h und einer Kaffeepause inmitten des Waldes waren wir zurück in Camp.
Gegen Nachmittag hatten wir dann die erste Einheit an Trockenübungen im Umgang mit den Gewehren, die von mindestens zwei Personen bei jedem Gang mitgeführt werden. Mit Übungspatronen ohne Schießpulver begannen wir dann zu üben wie wir überprüfen, dass die Gewehre in einem sicheren Zustand sind, also sich weder eine Patrone in Lauf, noch im Magazin befindet - anders als ich es aus Deutschland gewöhnt bin wird hier dafür der kleine Finger verwendet um in der Kammer des Gewehres zu erfühlen ob dort irgendwas an Munition sein Unwesen treibt, der sogenannte "Pinky-Check". Mitgeführt wird das Gewehr draußen dann in einem Zustand der als "Stage 2" bezeichnet wird und bei dem zwar das Magazin voll geladen ist, aber keine Patrone im Lauf liegt und der Schlagbolzen nicht gespannt ist. Auf diese Weise soll vermieden werden, dass es zu unabsichtlicher Abgabe von Schüssen kommt, es muss also vor der Schussabgabe erst Mal eine Patrone aus dem Magazin in den Lauf repetiert werden. Eine "normale" Sicherung gibt es bei diesen Gewehren nämlich nicht, bzw. wird sie entfernt um zu vermeiden, dass in Stresssituationen dem herangalloppierenden Büffel statt einer Kaliber .458 Kugel nur ein metallisches "Klack" entgegen fliegt. Im Gegensatz zum Umgang mit Schusswaffen, bspw. Beim Jagen oder Sportschießen ist dabei allerdings zu beachten, dass der zeitliche Rahmen, der für die Handhabung der Waffe zur Verfügung steht ziemlich genau jener ist, den ein nahendes, missgelauntes Tier braucht um einen alternativ auf die Hörner oder Eckzähne zu nehmen. Sämtliche Manöver müssen in der Prüfung also unter beträchtlichem Zeitdruck absolviert werden und dementsprechend bestehen unsere Nachmittage die ersten 8 Tage darin, die Abläufe immer und immer wieder zu wiederholen um im Fall der Fälle auf die (hoffentlich) automatisierten Bewegungsabläufe zurück greifen zu können.
Nach drei Stunden des Repetierens, Ladens und Sicherheitsüberprüfens war danach dann aber auch mein Bedarf an Knallstock-Kongfu gesättigt und als Kontrastprogramm habe ich mir ein Plätzchen gesucht um meine Hängematte aufzubauen und ein wenig den Blick in die angrenzende Landschaft zu genießen.
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