Montag, 13. Juni 2022

Jeffrey's Bay - oder - Fliegende Fladen

Als Abschluss der Afrika-Episode war für die letzte Woche Surfen und Strand-Feeling angesagt. Nachdem meine letzten Surfversuche vor einigen Jahren darin geendet sind, dass ich zwar den Anstieg des Meeresspiegels kurzfristig aufgehalten konnte, sich in meinem rechten Lungenflügel jedoch unbeabsichtigt eine Saline gebildet hat, war ich zugegebenermaßen etwas skeptisch. 

Der Surflehrer war aber super und hat dafür gesorgt, dass sich das Maritime Leben diesmal weitgehend außerhalb meines Magens abgespielt hat. Der 3. Und 4. Tag war aber gezeichnet von wirklich sportlichen Wellen und man hat ein Gefühl dafür bekommen, was da für Gewalten wirken. Wenn mein untrüglicher Sinn fürs Gleichgewicht mich wieder dazu veranlasst hat, beim Aufstehen vom Brett das selbige zu verfehlen und die Wogen über einem zusammen schlagen ist das schon ein sehr interessantes Gefühl und ich habe mehr als einmal lustige Purzelbäume im Wasser geschlagen bevor es dann wieder an die Oberfläche ging. Aber wir habe gute Fortschritte gemacht und am letzten Tag hatten wir zwar Recht winzige Wellen, aber ich habe die überwiegende Mehrheit davon als Mitreitgelegenheit nutzen können. Und wenn dann doch ein größerer Haufen Wasser von hinten angerollt kam, den man mitnehmen konnte hat es schon wirklich Spaß gemacht. 

An einem der Tage hatten wir sogar das Glück, dass in ca. 50m Entfernung vom Surfspot Delfine aus dem Wasser gesprungen sind. Ein zweifelhaftes Vergnügen mit anderen Flossentieren hatten Mädels, die in der Lodge untergebracht waren und den fortgeschrittenen Kurs besucht haben. Die wurden an einem der Tage von ihrem Lehrer mit mühsam beherrschtee Leichtigkeit gebeten jetzt unmittelbar das Wasser zu verlassen. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, das Johnny, der weiße Hai wohl eine Flosse aus dem Wasser gehalten hatte und am nächsten Tag war wohl sogar ein Hubschrauber da um das Wasser in Ufernähe während der Surfstunden auf eine überproportionale Menge Zähne pro Meeresbewohner zu untersuchen.

Ein weiterer Vorteil an der Surflodge waren die Aktivitäten, die vom Betreiber angeboten wurden und bei denen man sich nach Belieben einklinken konnte. Direkt am ersten Tag hatten wir das Vergnügen mit "Hairy Harry", einer Legende der lokalen Seefahrt, eine Tour mit seinem Boot raus auf den Ozean zu machen. Zu sehen gab es ein paar Robben, die es sich auf einem Felsen gemütlich gemacht hatten und in der Ferne den Blas eines Buckelwals. Den Urheber selbst konnten wir trotz intensiver Suche leider nicht entdecken, dafür hatte Harry noch ein paar Weisheiten für uns parat, was die Frequenzen der Ozeanwellen und unsere Elektromagnetische Strahlung anbetrifft. Ich bin mir nicht sicher ob seine Ausführungen durch die aktuelle Lehrmeinung im Bereich Quantenmechanik oder Molekularbiologie gedeckt ist, aber es war sehr erhellend ihm zuzuhören.

Ein kleines Highlight des Aufenthalts war ein Ausflug zum einem kleinen Flugplatz, an dem man über der Bucht von Jeffrey's Bay Fallschirmspringen konnte. Nachdem ich ja ein großer Fan luftgebundener Fortbewegung bin, wollte ich mir das auch nicht entgehen lassen und habe einen Hüpfer aus dem Flugzeug gewagt. Besonders interessant war die hauseigene Start- und Landebahn, die ein mehr oder weniger verdecktes Doppelleben als Kuhwiese geführt hat. Nachdem ich irgendwann Mal gelernt habe, dass bereits kleinere Mengen Eis an den Steuerflächen eines Flugzeugs die Flugeigenschaften spürbar beeinflussen können, war ich etwas skeptisch bei dem Anblick der drei bis vier Kuhfladen, die über Tragfläche und Höhenruder verteilt klebten - im Endeffekt wohl aber zu Unrecht. Mein Tandempilot war ein super sympathischer Typ mit über 12.400 absolvierten Sprüngen, der allerdings im Umgang mit der GoPro noch ein wenig üben musste. Auch wenn er im Flug extra Bilder gemacht hatte, so dann überwiegend von meinen Fingernägeln oder Ohrläppchen. Die beiden folgenden Exemplare waren dann aber doch halbwegs verwertbar:



Der Blick über die Bucht auf der einen Seite und eine kleinere Gebirgskette auf der anderen Seite war wirklich episch und alleine für den Rundflug hätte sich sie Aktion schon gelohnt gehabt.

Am nächsten Tag haben wir es dann etwas gemütlicher angehen lassen und sind anstatt der 300PS der Piper Cherokee Six mit nur einer Pferdestärke unterwegs gewesen. Meine Pferdestärke hieß Guinness und war ein etwas unmotivierter Schimmel, auf dem ich durch das Kabeljous Nature Reserve getrottet bin. Guinness war jetzt kein übermäßig ambitionierter Zeitgenosse sonder eher ein bisschen ein Trödler, was aber den Vorteil hatte das man mit ihm dann dem Rest der Gang hinterher traben konnte, wenn er mal wieder den Anschluss verloren hatte. Der Weg, den wir geritten sind war aber wunderschön und besonders am Strand entlang hat das weiß der Sanddünen mit dem Blau des Meeres und das Himmels ein perfektes Panorama ergeben. 


Während des Ritts am Strand sind wir dann noch einen Rochen im Wasser begegnet und am Wegesrand konnten wir eine wunderhübsche Puffotter sehen. In dem Moment waren wir auch ganz dankbar für die langen Beine der Pferde, denn so hübsch eine Puffotter auch ist, ich möchte mir ihre hohlen Zähne ungerne aus der Nähe anschauen.

Die Abreise aus Jeffrey's Bay fiel mir dann doch etwas schwerer, denn dort kann man sich echt wohl fühlen. Die Stadt hat eine entspannte Atmosphäre und alles dreht sich ums surfen ohne dabei zu aufdringlich zu sein. Das erste Mal waren die Straßen keine Schluchten zwischen riesigen Mauern und mit einem Bier am Aussichtspunkt "Supertubes" zu sitzen und den Pros beim Surfen zuzuschauen hat auch was.
Die Sicherheitskontrollen beim Rückflug waren auch interessant: bei fast jedem der Passagiere die durch den Metalldetektor gelaufen sind leuchtete der rot auf und nicht ein einziger wurde anschließend kontrolliert. Das wirft dann schon die Frage auf, ob man den Strom für den Metalldetektor nicht besser in eine glücksbringende Winkekatze oder eine Bandansage mit der freundlichen Bitte, keine Anschläge zu verüben,  investieren sollte.

In Johannesburg angekommen halt es, noch einen halben Tag bis zum Flug am Abend zu verbringen. Und damit ich dann noch Mal die Chance bekomme, das ungeschminkte Afrika kennen zu lernen habe ich eine Tour durch Soweto gebucht, das größte Township Südafrikas.
Mein Guide Sunny war auch wirklich super und kannte scheinbar die ganze Stadt. Als uns auf dem Weg durch Johannesburg die Polizei zu einer Straßenkontrolle raus ziehen wollte hat er sie auch prompt ignoriert mit dem Kommentar "das sind noch Junior Polizisten - von denen lasse ich mir kein Schmiergeld abnehmen".
In Soweto selbst konnte man wirklich eindrucksvoll beobachten wie Ober-, Mittel- und Unterschicht jeweils nur eine Straße entfernt ebeneinander leben. Der Millionär und Besitzer eines Fußball Clubs wohnt eine Straße entfernt von Wellblechhütten. Am interessantesten war eigentlich die "Kunstfertigkeit" mit der die Einwohner die Stromversorgung ihrer Nachbarn angezapft haben um sich mit Elektrizität zu versorgen. Scheinbar wird das bis zu einem gewissen Grad von der Regierung geduldet, aber der Himmel über den Hütten sieht aus als würde der Angriff der Killer-Tentakel bevorstehen, bei den ganzen Kabeln die in der Luft hängen.

Teil der Führung war auch ein Blick in eine der Wellblech Hütten und ich muss sagen, dass sie von außen deutlich schlimmer aussehen als von innen. Die Bewohner hatten es sich eigentlich recht wohnlich eingerichtet und ich bin mir sicher meine erste Studentenwohnung war schäbiger. 

Nach einem Abstecher über Nelson Mandela's Haus, ein paar der FIFA Weltcup Fußball Stadien und einer Bungee Jump Anlage, die ich zwar nicht ausprobiert habe, die aber hübsch aussah, ging es dann nach Hause.


Jetzt geht's in Flieger wieder nach Deutschland. Was ich sicher nicht vermissen werde ist der Sonnenuntergang um fünf Uhr abends und die wenig freundlichen Städte. Aber es wird ganz sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich im Afrika bin.


Donnerstag, 9. Juni 2022

Tausche Erste Hilfe- gegen Surf-Kurs - oder - Johannesburg Tag & Nacht

Nach der Rückkehr aus dem Busch hatte ich eigentlich noch eine Woche in Johannesburg für den Erste Hilfe Kurs eingeplant, der vermeintlich obligatorisch für sie Field Guide Zertifizierung ist. Es stellte sich aber heraus, dass die Überprüfung der erste Hilfe Kurse ziemlich genau so ernst genommen wird wie die Überprüfung des Wohnorts beim Kauf einer SIM Karte, sodass ich mit dem Einreichen einer Buchungsbestätigung eines Kurses vermutlich schon über das erwartet Maß an Engagement heraus geschossen bin.
Johannesburg selbst hat für mich eine zentrale Gemeinsamkeit mit einer Thai-Massage in der Weise, dass manche auf die raue Art dort zu stehen scheinen und manche Geld dafür bezahlen würden, davon verschont zu bleiben im Bezug auf die Goldgräberstadt zähle ich definitiv in die zweite Rubrik. Glücklicherweise hatte ich wohl durch meine unfreiwillige Spende an Taxifahrer zu Beginn meiner Reise so viel gutes Karma gesammelt, dass Buddha mir Erlösung in Form von Mary - einer Mit-Guidin aus dem Field Guide Kurs - geschickt hat, die in ihrer endlosen Weisheit die Idee hatte sich in einer Surflodge einzuquartieren anstatt sich eine weitere Woche zu überlegen welche inneren Organe in Falle eines Messerangriffs am ehesten entbehrlich sind.
Und so wurden aus den anderhalb Wochen Johannesburg dann zwei Tage.
Am ersten Tag haben wir einen Abstecher in die Mall of Africa gemacht, der größten Mall des ganzen Kontinents und Heimat eines hervorragend Frühstücks-Mojitos. Eine weitere interessante Erfahrung war ein Besuch in Safari Outdoor Shop - einem Laden für Outdoor Zubehör mit einem erstaunlich großem Repertoire an Schusswaffen. Betreten konnte man den Shop nur durch eine Schleuse, bei der ein Mitarbeiter jeden einzeln hereinlassen musste und im Innern wusste man auch warum. Neben den üblichen Campingstühlen kann man dort genug Semi-Automatische Langwaffen erwerben um eine durchschnittliche Mittelafrikanische Diktatur zu stürzen. Man bekommt auch ein paar Mittelamerikische Red-Neck-Vibes, insbesondere weil es eine ganze Abteilung für Schusswaffen für Kinder gibt. 
Abends haben wir uns unter einheimischer Anleitung ins Johannesburger Nachtleben gestürzt. Ein Mädel aus unserem Kurs war Original Johannesburgerin und hatte sich angeboten, uns einen Club zu zweigen. Selbiger stellte sich dann eher als Billiard-Bar heraus, in der ein Dude mit Musik vom Computer (ich möchte ausdrücklich auf die Berufsbezeichnung/Qualitätssiegel "DJ" verzichten) versuchte, eine nichtexistente Crowd zum abspacken zu motivieren. 
Unsere in Busch praktiziere "Improvise-Adapt-Overcome" Strategie führte uns dann dazu, die Bar ihrer Jägermeister-Vorräte zu berauben und für unsere Fähigkeiten ein deutlich zu ambitioniertes  Billard Match zu spielen.
Am nächsten Tag hatten wir eigentlich eine Reise mit einem Heißluft-Ballon geplant, hatten allerdings nicht bedacht dass die Luftsäcke schon morgens um 04:45 den Startplatz Verlassen und die Anreise so 100km beträgt. Auch der Versuch, ersatzweise ein Flugzeug zu chartern scheiterte an der in Afrika perfektionierten Methode der Aufwands-Minimierung. "Können wir ein Flugzeug haben?" - "Ich rufe sie in 15 Minuten zurück!" - eine Stunde später - "Können wir jetzt ein Flugzeug haben?" - "Ich rufe sie in einer Stunde zurück!" - bis zum heutigen Tag hat er sein Versprechen nicht gehalten.
Unsere Backup Plan war eine Reise zur "Wiege der Menschheit", dem Ort an dem die bislang ältesten Fossile menschlicher Vorfahren gefunden wurden.  Über die Hälfte sämtlicher weltweit entdeckter Artefakte aus der Frühsteinzeit stammt aus diesem Umfeld. Besonderheit war, dass das Besucherzentrum wieder so ungefähr 100km außerhalb Johannesburg ist, eine Fahrt per Uber aber mit um sie 35€ noch Recht erschwinglich war. Das Besucherzentrum selbst war so mäßig begeisternd - irgendjemand hatte wahrscheinlich wieder Millionen darin vergraben, dass es eine unterirdische Wasserbahn gibt, mit der die Besucher die Phasen der Entstehung der Erde durchleben können. Was sich nach einer guten Idee anhört, manifestiert sich in einem Tunnel in dem sich Wasser befindet und der nacheinander hell, dunkel, kalt und rot wird. Besonders gut gefallen hat mir der im Anschluss etwas sarkastisch wirkende Aufruf zum Wasser sparen, nachdem wir durch Millionen Liter kostbaren Nasses gedümpelt sind.
Mein Favorit war jedoch ein Kollege, der den Guide darauf hinwies, dass ihm wohl ein Zahlendreher bei der Datierung der menschlichen Überreste Unterlaufen sein müsse - der Priester seines Vertrauens hätte ihm erzählt, Abraham und Konsorten hätten schließlich vor 700 Jahren gelebt und nicht vor 700.000.
Nachdem dann der Erlebniswert dieses Zentrums relativ schnell ausgereizt war und wir feststellen mussten dass auch eine Besichtigung der Ausgrabungsstätten in den Höhlen nicht mehr zu kriegen ist, mussten wir die Heimreise organisieren. Und an diesem Punkt versagte ein bis dahin als Festpunkt des westlichen Wertesystems geglaubtes Gesetz - das Kommutativgesetz des Taxifahrens. Oder anders ausgedrückt: wo du mit dem Taxi hin kommst, kommst du auch wieder mit dem Taxi weg. 
Über zwei Stunden sollte uns Uber auf die Folter spannen, bevor wir dann beschlossen haben, Mal die Belegschaft zu fragen ob die wohl einen Tipp hätten wie man wieder zurück käme. Und das Schöne an Afrika ist dann ja, dass immer einer einen kennt und wir zwanzig Minuten später jemanden da hatten, der uns für einen besseren Kurs als Uber wieder zurück gefahren hat. Eigentlich wollten wir nur ein kleines wenig grün in einem botanischen Garten genießen und sind dann noch in einen wirklich netten kleinen Pop-up Markt mit einem hervorragenden Kaffeestand rein gestolpert. Und um uns vollends mit dem Schicksal zu versöhnen war als letzter Punkt ein Sundowner  auf einem Berg mit Blick über die gesamte Stadt. Und da Sonntag war und alle Geschäfte geschlossen hatten und die Sonne sich dem Horizont näherte, haben wir versucht unser mittlerweile arg lieb gewonnenen Savanna Cider mit Uber eats zu bestellen. Da wir auch mit einem Uber (ohne eats) auf den Berg fahren wollten, hatten wir ein kleines Uber-Wettrennen veranstaltet, von dem wir gehofft hatten, dass es der Cider-Bote gewinnt und wir dann mit der notwendigen Stärkung unseren Weg zum Aussichtspunkt antreten können. Leider war der Uber Eats Kollege wie ein Esel in einem Pferderennen und hat es ums verrecken nicht geschafft unsere Position zu finden, was darin gipfelte, dass ich ihn angerufen habe und das Handy an unseren mittlerweile länger wartenden Uber Fahrer weitergegeben habe, der ihm dann - so Uber-zu-Uber - ein paar hilfreiche Ratschläge zur Navigation und ein wenig ehrliche Rückmeldung zu seinen Fähigkeiten im allgemeinen gegeben hat, bis wir dann doch inklusive Getränke abreisen konnten.
 Nach einem super Sonnenuntergang ging es dann wieder zurück und am nächsten Morgen mit dem Flieger nach Port Elizabeth, wo wir von der Surflodge abgeholt wurden.
Seitdem leben wir hier in einem wirklich ansprechenden Anwesen direkt am Strand.

In mühsamer Kleinarbeit versucht uns der geduldige Dion das Surfen beizubringen, aber das ist eine andere Geschichte.


Freitag, 3. Juni 2022

Die letzten Tage im Busch- oder - Lion's McDonald's und Impala's Olympics

 Nachdem wir jetzt alle unsere praktischen Prüfungen in den letzten Tagen absolviert haben, hatten wir vor unserer Abreise aus dem Busch noch drei Tage, die wir Mal so ganz nach freiem belieben verbringen konnten.


Ein bisschen vermisst habe ich die Prüfungsfahrten schon, denn eigentlich waren die mit der beste Teil des ganzen Kurses. Die designierten Guides haben sich ganz besonders viel Mühe gegeben und ein paar von uns durften dann jeweils als Gäste mitkommen. Fast alle haben ihre besten Guiding-Leistungen in der Prüfung abgeliefert und unser internes Bullshit-Bingo blieb meist ohne Treffer. Über die Wochen hatten sich nämlich einige Platitüden in Form von Fun-Facts etabliert, die in ihrem Abnutzungsgrad mit der Blattfederung des Landrovers vergleichbar waren. Ich glaube ich werde mein Lebtag nie wieder vergessen, dass Impals bis zu 12 Meter weit und 3 Meter hoch springen können und dass sie am Hinterteil eine schwarz-weiße, Markierung im Fell haben, die einem Buchstaben M gleicht, weswegen sie den Spitznamen "Lion's McDonald's" tragen.

Während der Assessment Drives gab es dann nicht nur bio-interpretative Höchstleistungen zu bewundern, der eigentliche Star waren die Snacks und Getränke. Zwischendurch hatte man das Gefühl, den Mallorca Lebensstil zum Opfer zu fallen, wenn man sich von sechs bis acht Uhr durch die Landschaft gondeln lässt, um sich dann bei Sonnenschein auf einem kuscheligen Stein eine 50:50 Amarula-Kaffee-Mischung anzurühren und als Frühstück der Champiot mit bereitgestellten Biltong (Trockenfleischs) in den Tag zu starten. Ein neu ebtdekxter Favorit ist mittlerweile auch Rooibos-Tee mit Amarula - perfekt wahrscheinlich auch im Home-Office für langatmige Videokonferenzen. 

Als gute Gäste mussten wir dann auch den Spökes der angehenden Guides mitspielen und so fand ich mich plötzlich mit einem ( glücklicherweise gut durchgetrockneten) Impala-Köttel im Mund wieder, um mich dann als Busch-Olympionike im Köttel-Weitspucken zu üben. 


Bevor wir dann alle wieder in die Zivilisation zurück müssen, durften wir dann noch Mal einen Riesen-Gamedrive machen und sind mit ein vollgetankten Landrover auf gut Glück den ganzen Tag durchs Reservat gefahren. Ein wirklich beeindruckender Anblick war eines der Wasserlöcher kurz nach Sonnenaufgang auf dem sich eine Nebelschicht gebildet hatte. Zwei Nilkrokodile zogen noch etwas verschlafenen vor uns ihre Bahnen und in einem Baum nahe des Wassers hatte sich eine Horde Kormorane zum Brunch verabredet. Fun-Fact: Krokodile sind die einzigen Wirbeltiere in Südafrika, die Menschen als Beutetiere betrachten und sie aktiv jagen. Die Badehosen konnten also im Auto bleiben.





Insbesondere an der anderen Seite des Reservat von unserem Camp aus gesehen ist deutlich mehr Wasser und sogar ein Fluss zu finden, weswegen auch die Tierwelt dort ein wenig reichhaltiger ist. Die Giraffen hatten scheinbar Wandertag und ich habe an einem Tag so viele wilde Leoparden-Kamele (wie sie auf Lateinisch heißen) gesehen wie zuvor in meinem ganzen Leben zusammen. Außerdem habe ich das erste Mal eine trinkende Giraffe gesehen und wer denkt Tequila Shots wären umständlich, der sollte sich den Stress anschauen, den sich so eine Giraffe für ein paar Schlucke Wasser antun muss.





Als Proviant hatte uns die Küche Würste eingepackt und wurde den Verdacht nicht ganz los, dass dabei weniger der kulinarische Wert im Vordergrund stand als vielmehr die Tatsache, dass Sandwiches oder andere Snacks mehr auf Aufwand bedeutet hätten als 7 Würste in die Pfanne zu werfen. Da kalte Würste in ihrer Attraktivität gleich nach warmen Bier kommen, hatte ich ein wenig Alufolie abgezwackt und wir haben den Zylinderkopf-Grill erfunden.





Nach einem kleinen Bad im Fluss und einem Offroad-Ausflug um einen umgefallenen Baum herum haben wir uns noch ein paar Prickly-Pears (Kaktus-Feigen) für den Heimweg geerntet und haben uns auf die Heimreise gemacht.



Nach einem letzten Sundowner geht's jetzt zurück nach Johannesburg. Erschreckend ist, dass wir beim ersten Pausenstopp einen Vogel auf dem Dach der Tankstelle gesehen haben und daraufhin ein heiteres Rätselraten ausbrach, was für einer das wohl sein könnte - ich glaube der Busch hat uns verändert.

Dienstag, 31. Mai 2022

Tiere im Camp - oder - Norbert und das Hippie-Reh

Eine der Besonderheiten der Camps in denen wir hier leben ist die Tatsache, dass sie nicht eingezäunt sind und deswegen alles was so durch den Busch kreucht, fleucht, schlängelt und hoppst auch ungehindert Teil unseres Alltags werden kann. Es ist also keineswegs so, dass wir die Tier- und Pflanzenwelt nur während unserer Ausfahrten bewundern können - häufig genug köttelt sie uns genau vor's Zelt.

Ich dachte mir ich stelle ein paar unserer Mitbewohner Mal vor, damit man so eine Idee bekommen kann, wer sich bei uns sonst noch so eingerichtet hat.


Nyalas 

Wer noch nie eins gesehen hat - wenn Antilopen Medizinmänner hätten, dann wären es die Nyalas. Die Männchen haben eindrucksvolle Hörner, ähnlich denen eines Kudus und lustige Streifen an der Seite, ganz unähnlich denen eines Zebras. Interessanterweise scheinen Nyalas allgemein kein wirkliches Problem mit Menschen zu haben und sowohl im Camp in Selati als ich hier in Karongwe lebt gleich ein ganzer Haufen davon. 

Auch wenn die gehörnten Kollegen hier auf den ersten Blick ganz friedliebend aussehen und eigentlich so den Charme eines Hippie-Rehs versprühen, sind sie alles andere als harmlos. 

Dieses Exemplar hier hatte sich für uns extra ein bisschen hübsch gemacht während er durchs Camp gestakst ist. Aber auch die nette Deko über den Hörnern kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Dinger relativ spitz sind. Einer unserer Guides war weniger Wochen vor unserem Kursbeginn dabei, wie in einer Lodge ein Gast eines davon nach einer Meinungsverschiedenheit mit dem Träger im Oberschenkel stecken hatte. Er hat mehrfach sehr lebendig dargelegt, wie wenig zuträglich das dem Gesundheitszustand des Gastes war, der im folgenden 3 Liter Bluttransfusion bekommen hat und die Begegnung fast nicht überlebt hätte. Fortan haben wir diese Tiere mit äußerstem Respekt behandelt und immer grußzügig Abstand gehalten. Das Camp verwandelte sich hin und wieder auch in einem Nyala Fightclub und die Bullen tragen hier ihre Rangkämpfe aus, was zwar spannend zu beobachten ist, aber meistens mindestens einen schlecht gelaunten Verlierer hinterlässt.



Die Nyala Damen sind auch gerne Mal zu Besuch und haben dann aber anderen Unsinn im Kopf. Dieses Exemplar hier scheint ein wenig eigentümliches Konzept von Nachbarschaftshilfe zu haben und leiht sich Grade das Geschirrhandtuch aus. Zur Entschädigung bringen sie aber auch immer wieder ihre Kleinen mit, die wirklich süß anzusehen sind.


Elefanten
Schon bei unserem allerersten Briefing am ersten Tag im Busch wurden wir gewarnt, dass immer wieder auch Mal Elefanten durchs Camp schleichen. Damals hielt ich die Aussage, wir sollten uns nachts nicht von einem Rüsseltier zerquetschen lassen für eine Warnung, die ein wenig in die Kategorie fällt wie "wenn du deinen Teller nicht aufisst regnet es morgen". In der Tat sollten wir spätestens in Mashatu fast täglich ein paar Dickhäuter zu Besuch im Camp haben.


Das Bild hier ist unmittelbar vor meinem Zelt entstanden und man kann darauf hervorragend die Fußabdrücke eines Elefanten erkennen, der Nachts direkt neben dem Zelt entlang gelaufen ist. Ich vermisse es hier mittlerweile richtig, im Bett zu liegen und das tiefe Brummen zu hören, das die Dickhäuter absondern. Es hatte immer ein bisschen was  Walgesängen, wenn man die zum einschlafen draußen vor sich hin brummeln hört. 
Der Nachteil ist allerdings, dass eine akkurate Tagesplanung furchtbar unter einem Elefantenhintern an der falschen Stelle leiden kann. Und mehr als einmal konnte ich entweder gar nicht da hin, wo ich hin wollte oder musste einen riesen Umweg nehmen.
Aber so nah dran zu sein, wenn die grauen Riesen durchs Camp stapfen ist trotzdem jedes Mal beeindruckend.

Paviane
Wenn Elefanten im Camp schon manchmal dafür sorgen, dass die Wasserversorgung ausfällt oder der Strom lahm gelegt wird, dann sind Paviane meistens die Ursache wenn sich ein oder mehrere Zelte von einem 3D- in ein 2D-Objekt verwandeln.
Hier wird gerade eines Zelte wieder aufgebaut, das von einer Horde Paviane zu einem Spielplatz umfunktioniert wurde. Es ist mir auch mehrfach passiert, dass ich nichts ahnend in einer Hängematte lag und um mich herum das wilde Affentheater ausgebrochen ist und sich eine Schar durch unser Camp gejagt hat. Besonders wenn jemand sich einem Mitternachtssnack mit ins Zelt genommen hat wurde aus dem Räuber und Gendarme Spiel der Paviane dann schlagartig eher eine Schnitzeljagd. 

Creepy Crawlies
Wie ich mittlerweile gelernt habe, ist eine Vielfalt an 6- bis 10-beinigen Krabbeltieren ein Zeichen für ein intaktes Ökosystem. Dem zufolge kann auch dke Präsenz meiner Schmutzwäsche das ökologische Gleichgewicht in meinem Zelt nicht so nachhaltig gestört haben, dass die sich da nicht mehr wohl fühlen würden. Auch in unseren Schlafgemächern hatten wir regelmäßig ein paar Besucher, auf die wir gut auch verzichten könnten.


Einerseits haben sich ab und zu Mal Schlangen ins Innere verirrt. Auch wenn das Exemplar oben eher harmlos ist, so ist in Karongwe auch eine Mozambikanische Speicobra im Camp heimisch und sucht insbesondere bei Regen gerne mal einen trockenen Unterschlupf. Unbehandelt kann der Biss tödlich sein und eine Portion Schlangenspucke in den Augen kann einem nachhaltige Probleme einhandeln, sodass man auch im Zelt immer Mal wieder schauen sollte, ob es unterm Bett irgendwo zungelt. Auch Skorpione oder größere Spinnen schauen gerne Mal vorbei.

Der Kollege hier hatte es sich unter meiner Matratze gemütlich gemacht, ist aber noch eines der kleineren Exemplare. Besonders unfair fand ich einen der Achtbeiner der sich unter der Klobrille versteckt hatte und so eine halbe Handfläche gemessen hat. Da habe ich mich nicht nur in meiner Privatsphäre verletzt gefühlt sondern einem ordentlichen Schreck bekommen. Mit Spinnen jeglicher Farbe, Größe und Geschmacksrichtung muss hier aber sowieso immer gerechnet werden. Mehr als einmal ist zum Beispiel vom Essen eine Baboonspider, die einer Tarantel erschreckend ähnlich sieht, mehr oder weniger kontrolliert vom Baum auf einen ahnungslosen Wirt grplumpst und hat für Aufregung gesorgt. 


Zum Abschluss noch das vorher-nachher-Bild von Norbert, unserem Zeltgecko. Eigentlich hatte er es sich außerhalb unseres Zeltes gemütlich gemacht aber eines Tages lag ein toter und etwas deformierter Reptilienleichnam neben meinen Schuh im Zelt. Ich bin noch sicher ob ich wissen möchte wer für dieses Gewaltverbrechen verantwortlich ist und ob es sich weiterhin in meinen Zelt befindet aber zumindest hatte sind eine Horde Ameisen bereits der Aufgabe angenommen, Norbert dann wieder aus unserm Zelt zu entfernen.







Sonntag, 29. Mai 2022

Übungsende - oder - eine Prüfung kommt selten allein

 Die letzten Wochen hatte ich wenig Gelegenheit mich zu Wort zu melden, aber jetzt habe es Mal wieder geschafft ein paar Zeilen aus dem Busch zu hinterlassen. Einerseits liegt unser neues Camp Karongwe zwar wieder wunderbar an einem ausgetrockneten Flussbett gelegen, anderseits liegt es scheinbar an einer Stelle gelegen um die sämtliche Handystrahlung einen großen Bogen macht. Wo man in Mashatu oder Selati zumindest nach Besteigung eines Termitenhügels und mit ausgestrecktem Arm hin und wieder ein paar Bytes einfangen konnte, ist hier an der Binärfront absolute Flaute. Unsere Camp-Leitung war allerdings so gütig, uns nach den bestandenen Prüfungen Zugriff auf das Satelliten Internet zu geben, damit wir zumindest Mal ein Lebenszeichen und eine Erfolgsmeldung nach Hause schicken können.

Neben dem fehlenden Internet war außerdem ein entscheidender Faktor die nachhaltige Abwesenheit von verfügbarer Zeit um neben den Verpflichtungen für die Ausbildung hier noch ein paar warme Worte ins Internet zu meißeln.

Die letzten waren geprägt von insgesamt 4 Prüfungen, die wir zu absolvieren hatten um uns dann anschließend ganz offiziell in Südafrika als Guide verdingen zu dürfen. Die erste Prüfung ist vermutlich mehr zum warm werden und wird mit "Open Book Exam" tituliert. Dabei müssen eine Reihe von vorher bereits bekannten Fragen unter Zuhilfenahme beliebiger Medien (in den meisten Fällen allerdings nur das Medium "Handy") bearbeitet werden. Da sich der Überwachungseffekt bei den Fragen doch sehr in Grenzen hielt und alle Antworten in einem PDF File vorher auch schon bekannt waren, konnte diese Prüfung eigentlich nur dazu dienen die letzten Analphabeten raus zu filtern, die sich inkognito bis zum Ende des Kurses durchgeschlichen haben.


Der nächste Teil allerdings hatte es dann in sich: die theoretische Prüfung, die vom Field Guide Verband gestellt wurde. Und trotz Bestechungsversuchen mit verschiedenen Nahrungsmitteln zwischen Cider und Trockenfleisch wusste in diesem Fall keiner was dran kommt. Wir hatten insbesondere in den letzten Wochen insgesamt 17 verschiedene Lektionen zu unterschiedlichen Themen bekommen und zu jedem dieser Themen wurden 10 Fragen gestellt, sodass im Endeffekt einiges zusammen gekommen ist. Und die verschiedenen Fächer reichen von Themen wie etwa dem Verhalten von Tieren über Astronomie und Geographie, bis hin zu den geschichtlichen Hintergründen der Eingeborenen. Die geforderten Fähigkeiten gingen in diesem Fall also über das bloße Halten eines Stiftes hinaus und die Prüfung erforderte durchaus etwas Vorbereitung. Neben Fragen wie "welche verschiedenen Arten von Quaken können Frösche absondern?" über "in welchem Teil Afrikas sind Termiten die vorherrschende Nahrungsquelle für Säugetiere" bis hin zu "welches Tier wurde bei den Eingeborenen des Volkes der Khiosan als göttlich verehert?" war alles dabei. Die Menge an Wissen, die wir hier über Amphibien, Reptilien, Anthopoden ( ein Sammelbegriff für die "creepy crawlies", also Insekten, Spinnen, etc.) gesammelt haben hatte ich vermutlich nicht mehr seit wir in der 9. Klasse in Gummistiefeln durch die örtlichen Tümpel gestapft sind. Man sah also die letzten zwei Wochen konstant eine Reihe von emsigen Schülern, die sich der Anatomie der örtlichen Krötenpopulation angenommen haben und das Camp hätte fast schon einen Hauch Uni Campus.

Der dritte Teil der Prüfungen bestand dann in einer auf elektronische Lehrmittel gestützte Untersuchung unserer Fähigkeiten, Säugetiere, Spuren, Bäume, Vögel (-gesänge), Reptilien und Frosch (-gequake) zu indentifizieren. Was sich sehr wichtig und akademisch anhört war im Endeffekt ein Dude mit einer Powerpoint Präsentation auf der sich irgendwo ein Pangulin, ein Feigenbaum oder ein Flattervogel versteckt hat, den wir dann bestimmen sollten. Aber insbesondere die Vogelstimmen, die Froschgesänge und teileweise auch Vogelnester waren wirklich nicht so einfach auf einen Verursacher zurückzuführen und ich war froh als alles zur Zufriedenheit des Prüfers abgehakt war.

Der letzte Teil und auch der eigentliche Höhepunkt der Prüfungszeit ist die praktische Prüfung, bei der wir einen Game Drive eigenverantwortlich durchführen. Dabei wird neben dem allgemeinen Auftreten, der adretten Kleidung und dem adäquaten Seitenscheitel auch die Fähigkeiten bewertet, ein Auto mit Passagieren über die Buckelpisten hier zu manövrieren, ein paar weise Worte zur lokalen Tier- und Pflanzenwelt zu verlieren und ganz allgemein ein entzückender Gastgeber zu sein. In meiner unendlichen Weisheit hatte ich mich auch 3 Stunden vor der Abfahrt zu meiner Prüfungsfahrt noch nicht für eine Route durchs Reservat entschieden und muss auch zugeben dass ich erst eine Woche vorher angefangen hatte, einen genaueren Blick auf die Karte hier zu werfen. Im Endeffekt lief es also darauf hinaus, dass ich bei meiner Prüfung mehr oder weniger erst Mal drauf los gefahren bin und dabei die vage Hoffnung gehegt habe, einer Gestalt mit vier Beinen und/oder Fell zu begegnen. 



Dabei waren die ersten anderhalb Stunden von der Abwesenheit jeglichen entwickelten Lebens (außerhalb des Wagens) geprägt, was den Guide vor Herausforderungen stellt. Als Faustregel sollte man seinen Gästen zumindest Mal so alle 10-15 Minuten mit ein paar erquickenden Fakten rund um den Busch erfreuen und das wird umso schwieriger, je weniger fakturierbares Leben in der Nähe ist. Als Backup-Plan wurden dann Termitenhügel oder Warzenschein-Behausungen unfreiwilliger Gegenstand ausführlicher Analyse. Zum Ende der Fahrt erbarmte sich dann wenigstens ein Büffel, sein Gesicht Mal in die Runde zu zeigen und ein paar Zwergmangusten überprüften uns auf unsere Fähigkeit hin, ihnen als Nahrung zu dienen.

Der vielleicht wichtigste Part ist dann kurz vor der Rückreise der "Sundowner", bei dem die Gäste gespannt dem Untergehen der Sonne beiwohnen können und der Guide für die Versorgung mit geistigen Getränken zu sorgen hat. 


Im Endeffekt sind dann alle wieder heile und lebendig im Camp angekommen und ich durfte mir noch im Auto anhören, dass ich auch den letzten Prüfungsteil bestanden habe.




Sonntag, 1. Mai 2022

Nicht für die Schule, für den Busch lernen wir - oder - Omnivora et Labora

 Auch wenn meine Karriereplanung mittelfristig noch nicht vorsieht, das Arbeitsutensil der Hacker-Skimaske gegen den Bushhut zu tauschen, so ist das erklärte Ziel dieser Afrika Reise dennoch der Erwerb einer Zertifizierung als Nature Site Guide. Und weil sich vermutlich irgendeine unsägliche Gottheit überlegt hat, vor den Preis den Schweiß zu setzen, müssen wir neben regelmäßiger Anwesenheit am Lagerfeuer und aufmerksamer Beobachtung von Löwenherden auch ein gewisses Maß an theroetischer Bildung nachweisen. 

Und entgegen der ansonsten eher verarbeiteten passt-schon-Attitüde, die in Afrika sehr heimisch ist, müssen wir hier ein mehrere hundert Seiten starkes Workbook durcharbeiten und mehrere theoretische und eine praktische Prüfung am Ende des Kurses ablegen. 

Der vermutlich am meisten gefürchtete Teil dieser Prüfung ist die Identifikation von Säugetieren, Fröschen, Insekten, Schlangen, Spinnen und vor allem Vögeln. Sehr viele Vögel. Viel zu viele Vögel.  

Eines der Dinge, die ich im theroetischen Unterricht gelernt habe und das mich mehr schockiert als die Tatsache, dass Giraffen regelmäßig Knochen toter Tiere fressen (tun sie tatsächlich, es heißt Osteophagie) ist Umstand, dass Birding - also Vögel beobachten - das zweit verbreitetste Hobby der Welt ist. Es entzieht sich auf meiner Vorstellungskraft, warum Leute tausende Euros für Reisen bezahlen, auf denen sie dann einen Piepmatz sehen der statt eines braunen Flecks am Bauch einen roten Fleck am Bauch hat, aber scheinbar ist das ein Ding. 

Ich versuche, diese Begeisterung dadurch verstehen zu können, dass ich mir vorstelle, eine Vogelsichtung ist wie eine Pokemon-Karte, die fanatisch gesammelt wird und ich als Guide der bewunderte Comicladen-Besitzer, der die Dinger verkauft. 


Insgesamt müssen wir über hundert Vögel identifizieren können, von denen wir 58 anhand ihrer Rufe erkennen müssen. Das hat unter anderem Folge, dass im Camp stets ein gewisses Grundrauschen an Vögelgesängen herrscht, die von Handys für Lernzwecke angespielt werden. Außerdem wird vor jeder Mahlzeit die Reihenfolge, wer zuerst sein Essen abholen darf mithilfe eines Vogelstimmen-Quiz bestimmt. Das Ganze geht so weit, dass am Lagerfeuer abends dann anstatt eines zivilisierten Gesprächs über die Vor- und Nachteile invasiver Erosionsprävention eher eine inbrünstige Imitation eines afrikanischen Fischadlers zu hören ist.


Mit größter Phantasie bauen wir uns hier Eselbrücken um die teilweise nahezu identisch klingenden Vogelstimmen auseinanderhalten zu können. Und für den eingeweihten Vogelkundler hört sich dann der Ruf des brown-headed Parrot an wie eine professionelle Zahnreinigung und die Pearl-spotted Owl wie ein Feueralarm.




Abgesehen von der Theorie dürfen wir mittlerweile selbst in die Rolle eines Guides schlüpfen und selbstständig Game Drives durchführen. Dabei ist unser bester Partner der umgebaute Toyota Landcruiser, der für mich neben Flora und Fauna der zuverlässigste Quell großer Augen darstellt. Selbst mit bis zu 12 Personen beladen fährt dieses in Würde gealterte Meisterwerk japanischen Autobaus im Standgas noch absurd steile und mit Medizinball-großen Felsen gepflasterte Pfade hoch. Wenn ich hinten drin sitze und mich wieder Mal frage ob meine ADAC Plus Mitgliedschaft auch in einem von Löwen verseuchten Sumpfgebiet zieht, dann bleibt unser Guide ganz gelassen und beruhigt den Fahrer "don't worry, in first Gear it will climb everywhere" - und bis jetzt hatte er Recht.





Sobald man selbst in Fahrersitz hockt und die Meute hinter sich unterhalten muss ist das Gefühl doch ein deutlich anderes als wenn man sich im Font des Wagens lümmeln und berieseln lassen kann. Nach nun mehr als drei Wochen im Busch haben wir so langsam beispielsweise eine gewissen Grad an Sättigung an Impalas erreicht. Die Viecher laufen überall herum und nichtsdestotrotz sollte ein Guide aber während des Trips ein paar Worte über diese doch recht auffälligen Antilopen verlieren. Das führt zu dem Dilemma, dass man einerseits ähnliche Informationen immer wieder zu hören bekommt, und andererseits auch immer wieder Ähnliches erzählen muss. Es fühlt sich ein wenig so an, als würde man durch die Berliner Innenstadt laufen und die Essgewohnheiten der ansässigen Taubenpopulation kommentieren müssen. Nichtsdestotrotz geben sich Alle Mühe, neue spannende Fakten - in Expertenkreisen als "Fun Facts" tituliert - zu recherchieren und zum Besten zu geben. 

Mindestens genauso problematisch ist es, wenn man einem Tier über den Weg läuft, über das man entweder noch gar nichts weiß oder das beschlossen hat, die Konvention des vom ihm erwarteten Verhaltens vollkommen zu ignorieren und komische (und somit schwer erklärbare) Dinge zu tun. Dann ist man sehr dankbar, dass keine Gäste im Wagen sitzen, sie absurde Geldmengen für den Game Drive ausgegeben haben und einer der Guides mit einer meist einleuchtenden Erklärung aushelfen kann, die dann hoffentlich fürs nächste Mal in einer Hirnwindung abgelegt werden kann.

Auch wenn es um Längen anstrengender ist, den Drive selbst zu leiten, so ist es doch immer wieder eine willkommene Herausforderung und den Toyota durch die Savanne manövrieren zu dürfen entschädigt für die Aufregung.





Neben den Drives sind wir dann einmal am Tag zu Fuß unterwegs und suchen nach Tierspuren in Form von beispielsweise Fußabdrücken oder Ausscheidungen. Während man sich vorkommt wie Winnetou, wenn man neben einem Abdruck einer Löwenpfote im sind kniet und sich über Bewegungsrichtung, Alter, Datum der letzten Maniküre und Sternzeichen des Verursachers austauscht, ist das Wühlen in den Haufen nicht immer so glorreich. Bei den Pflanzenfressern ist es noch relativ eindeutig, wer sich im Sand verewigt hat. Bei den Fleischfressern oder Omnivoren wird dann eine eingehendere Untersuchung fällig, um beispielsweise einen Pavian von eine Schleichkatze zu unterscheiden. Wer dann richtig im Busch angekommen ist, schätzt bei Elefantenhaufen anhand der Temperatur ab, wann sich das Rüsseltier von seinen überschüssigen Mopani-Blättern getrennt hat. Die Erfahrung zeigt, dass sich der kleine Finger dafür am besten eignet um die Wahrscheinlichkeit einer späteren Kollision zwischen Gesicht und Elefantendung so gering wie möglich zu halten.


Und als Abschluss, ein perfektes Beispiel forensischen Spurenlesens. Diese Taube hatte das Pech, einem hungrigen Paviian im falschen Moment begegnet zu sein. Da es sich nicht um einen chinesischen Pavian gehandelt hat, war er so gütig uns die Füße übrig zu lassen, sodass wir die Fingerabdrücke der Taube nachvollziehen können.