Mittwoch, 7. Mai 2025

Von der Großstadt zum Kleinbauern - oder - das Leben als Vogelscheucher und Ziegenbuffet

Nachdem sich auf unserer Pilgerreise auch nach drei Wochen nur ein mittelmäßiger Grad an Erleuchtung einstellen wollte haben wir den Rückzug Richtung Osaka angetreten. Dort hausiert dieses Jahr die EXPO Weltausstellung und wenn wir schon in der Nähe sind dachten wir uns, dass wir die Gelegenheit nutzen können um uns die vermeintliche Welt von Morgen anzuschauen.
Ein nicht zu unterschätzender Faktor sollte dabei die sogenannte "Golden Week" werden, die in diesem Jahr in den Zeitraum vom 29. April bis zum 5. Mai fällt. Die Work-Life Balance des normalen Japaners ist ja in etwa so ausgewogen wie die Ernährungspyramide des durchschnittlichen Amerikaners, aber eine Woche im Jahr ist dann doch mal Pause von der Arbeit angesagt und diese Zeit nennen sie hier die Golden Week. Um die Arbeitsabläufe übers Jahr hinweg nicht allzusehr zu stören hat man hier in einer Woche gleich vier Feiertage angehäuft, unter anderem der Nationalfeiertag und der Tag zur Feier des Kindes. 
In genau diese Woche fiel unser Besuch der Expo und man kann sich vielleicht die Menschenmassen vorstellen, die dementsprechend zum Gelände drängten. Im Vorfeld der Veranstaltung war dort die weltweit größte Holzkonstruktion errichtet worden - ein kreisförmiger hölzerner Steg, der in ca. 20m Höhe mit einem Durchmesser von 1,55 km um das gesamte Expo-Gelände herum führt. Die Aussicht von dort oben ist in der Tat beeindruckend es ist schwer vorstellbar, was für ein unfassbarer Aufwand es gewesen sein muss, tausende Baumstämme zu so einem Riesenrad zusammen zu häkeln.

Fast alle Nationen dieser Welt waren mit einem mehr oder weniger aufwändigen Pavillon vertreten, die jeweils ganz unterschiedlich gestaltet waren. So konnte man beispielsweise in den Pavillons von Guinea oder Mali die Antlitze schurkischer Diktatoren bewundern, ein paar Zwergstaaten aus dem Pazifik haben zur Expo der Einfachheit halber ihr Team von der letzten Tourismusmesse geschickt und Werbung für Tauchurlaub und gemacht und die größeren Nationen hatten dann häufiger eine aufwändigere Präsentation der eigenen Kultur und Geschichte mitgebracht. Als übergreifendes Thema sollte es um das Leben der Zukunft gehen - und nachdem ich die Internetseite und App ausprobiert hatten, die für die Buchung von Events und Führungen vor Ort verwendet wird bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich dabei um eine Art literarischen Kunstgriff oder eine Live-Performance handeln muss um den Besuchern die Gegensätzlichkeit von Zukunft und Vergangenheit schmerzlich bewusst zu machen. Die Bewertung der EXPO App im Play Store mit 1,2 Sternen hatte mich glücklicherweise schon auf das schlimmste vorbereitet. Bei geschätzten Gesamtkosten von 1 Trillion Yen für die EXPO, also grob 6 Milliarden Euro frage ich mich warum die dazugehörige App von einem integrativen Kindergarten programmiert werden musste - das Ergebnis war in Endeffekt, dass viele der Pavillons nicht reservierbar waren, was wirklich schade war.
Vor Ort konnten wir uns zumindest für eine der Führungen noch einen Platz ergattern - zum Thema "Living in the future". Statt interessanter Zukunftsvisionen wurde da allerdings ein recht deprimierendes Bild von einer Welt voller Androiden gezeichnet, denen das Bewusstsein verstorbener Menschen übertragen wurde und am Ende gab es eine Tanzeinlage von seltsam anmutenden Robotern, die in lila Licht getaucht waren.
Ein Besuch des deutschen Pavillons wollte ich mir auch nicht nehmen lassen. Irgendein Verantwortlicher des Wirtschaftsministeriums hat es da scheinbar für eine grandiose Idee gehalten in den Wartebereich vor den Eingang zum Pavillon eine Bühne errichten zu lassen und als wir dort ankamen erinnerte die Szenerie stark daran was ich in einem mittelmäßigen Ägyptischen Ferienresort erwarten würde, wenn der Animateur versucht seine leicht verkaterten Feriengäste zum Morgensport zu motivieren. Zu den Klängen zu Ayy Macarena tanzte dort Standpersonal den bekannten Tanz aus den 90ern. Als wir aus dem Pavillon wieder heraus kamen, war das Programm auf Karaoke umgestiegen und die etwas schrägen Klänge von "Let it be" mit japanischem Akzent prasselte auf die wartenden herab.
Neben der etwas unorthodoxen Gestaltung des Außengelände war das Innenleben aber doch erstaunlich informativ und interaktiv gestaltet und verschiedene nachhaltige Projekte mit einem Fokus auf Kreislaufwirtschaft aus ganz Deutschland wurden vorgestellt.

Insgesamt war die Expo zwar inhaltlich kein Quell der Inspiration, aber die Architektur der Pavillons war absolut beeindruckend und das gigantische Holzmonument hat den Besuch schon lohnenswert erscheinen lassen.

Von Osaka aus ging die Reise dann in die Tottori Präfektur - einem eher ländlich geprägten Teil Japans, der unter anderem das Zuhause des Japanischen Riesensalamanders ist. Dort haben wir über die Plattform Workaway ein Projekt gefunden, bei den man gegen Kost und Logis eine Organisation dabei unterstützen kann den Riesensalamander zu erhalten und auf einer nachhaltigen Farm mitzuwirken.
Unsere Aufgabe für die nächsten zwei Wochen besteht somit unter anderem darin, für das leibliche Wohl zweier Schweine, zwei Ziegen und einem Haufen Hühner zu sorgen.
Besonders die Hühner haben sich dabei als Herausforderung erwiesen, weil sie eine unersättliche Neugier an den Tag legen. Zwar haben sie ein riesiges Außengelände zur Verfügung, aber sobald sich die Tür zum Innenbereich des Stalls öffnet werden sie vom Entdeckerdrang gepackt und setzen alles daran,  die unerforschten Weiten zwischen Strohballen und Mistgabeln zu ergründen. Sobald man die die Tür öffnet ist balancieren auf einem Bein angesagt um mit den anderen Fuß die frechen Hühner zurück in ihr angestammten Zuhause zu schieben. 
Wo die Hühner dem Ruf des Unbekannten folgen wollen sind die Ziegen eher kulinarisch veranlagt. Alles, was nicht stachelig ist wird einer Verkostung unterzogen und auf Verzehrbarkeit geprüft. Auch ein Reißverschluss oder der Stiel eines Besens könnte eine verborgene Delikatesse sein, sodass man sich mit der Tatsache abfinden muss, mit betreten des Ziegenstalls als wandelndes Buffet betrachtet zu werden.
Im Gegensatz dazu sind die beiden Schweine äußerst unkomplizierte Zeitgenossen, die sich am liebsten die Sonne auf die Schwarte scheinen lassen. Wer auch immer das Schwein erfunden hat, hatte es aber scheinbar nicht für Japanischen Sonnenschein vorgesehen, denn ohne Pelz neigen sie insbesondere an den Ohren zu Sonnenbrand. Zur täglichen Routine gehört deswegen nach Bestechungsversuchen mit Bananen das Eincremen von vier Schweineohren mit Sonnencreme.

Neben der Pflege der Tiere gibt's immer was zu tun - sei es das Rupfen von Unkraut in den Gemüsebeeten, das Fällen von unfassbar schnell wachsendem Bambuswald oder Spalten und Verstauen von Holz.

Das Wochenende steht uns dann zur Verfügung um die Umgebung zu erkunden. Eines der bekanntesten Ausflugsziele in der Nähe oder Mount Daisen, ein ca. 1700m hoher vulkanischer Hügel, der aufgrund seiner isolierten Lage aber einen wunderbaren Ausblick bietet. Als wir uns auf den Weg machen wollten, dem Gipfel einen Besuch abzustatten waren wir uns zunächst nicht sicher ob wir uns versehentlich ins Himalaya verirrt haben - trotz angeneh Wetters mit 20° und Sonnenschein kamen uns lauter Einheimische entgegen, die aussahen als würden sie sich auf eine K2-Besteigung vorbereitet haben. Ausgerüstet mit hochprofessionellem Material stapften sie dann neben uns, die in kurzer Hose und T-Shirt unterwegs waren die zahlreichen Stufen den Berg hinauf um die letzten Meter auf einem Holzsteg zum Gipfel zu marschieren. Ganz offensichtlich nehmen sie das Wandern hier äußerst ernst und auch bei einem ca. 90-minütige Aufstieg der genauso gut ein sehr hohes Treppenhaus hätte sein können wird nichts dem Zufall überlassen.

Und natürlich haben es sich viele nicht nehmen lassen für ein zwanzig Meter langes Stück Schnee die Steigeisen auszupacken - auch wenn herunterrutschen auf dem Hintern wahrscheinlich deutlich schneller und spaßiger ist.

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