Die letzten Tage hatten wir uns gewissermaßen die Filet-Stücke des Pilgerweges heraus gesucht, wohlwissend dass wir die gesamte Strecke nicht schaffen werden. Dabei hatten wir insbesondere auf die Stücke des Weges verzichtet, die entlang der großen Straßen führen. Außerdem hatten wir immer ein Auge auf die Schlafplätze für die Nacht, sodass wir es nach Möglichkeit so eingerichtet haben, dass wir in einer der Schutzhütten entlang des Weges übernachten konnten - Teilweise über recht interessante Pfade entlang.
In den Bergen hatten wir dann nach einem kräftigen Schauer eine faszinierende Aussicht, bei der die ganzen Täler im Nebel lagen und wir durch den Nebel hinweg zum Gipfel eines kleinen Berges wandern konnten um von dort aus die benachbarten Gipfel aus einem Nebelmeer heraus ragen zu sehen. Das ganze erinnerte an das Werk einer hochmotivieten Großmutter, die versucht den vollkommen irrationalen Wunsch nach einer Geburtstagstorte bestehend aus Zuckerwatte und Toblerone wahr werden zu lassen. Uns hat es dazu inspiriert unser spärlich vorhandenes Datenvolumen dafür zu opfern, den Songtext von "Misty Mountains" aus dem Hobbit herauszusuchen und wie ein paar zugegebenermaßen etwas unterernährte Zwerge singend den Berg herauf zu stapfen.
Insbesondere in den Bergen bekamen wir dann auch hin und wieder Besuch an unseren doch meist Recht abgelegenen Schlafstätten. Eine Nacht konnten wir einen indigenen Verwandten der Rüsselnasigen Freunde bei uns im Lager willkommen heißen, die uns noch vor drei Wochen beim Tee Gesellschaft geleistet haben. Zwar hat es sich nicht ganz bis zu unseren Vorräten vorgewagt, aber war doch weniger als zehn Meter entfernt und stolperte dort den Pfad entlang. Die von uns mittlerweile sehr geschätzt App "Henro Helper" hatte uns schon einige Male in Notizen zu Rastplätzen daraufhin gewiesen, dass Wildschwein durchaus häufiger mal auf Stippvisite vorbei schauen. Zumindest einen Fußabdruck von unserem Besucher konnten wir dann im Schlamm aber finden.
Ein anderer Besucher näherte sich uns als die Sonne schon zwei Stunden untergegangen war und wir schon seit einer Zeit in den Schlafsäcken lagen - ein Amerikaner names Charles, der seine persönliche Erleuchtung wohl nicht so richtig abwarten konnte und seit morgens früh bis weit nach Sonnenuntergang unterwegs gewesen war. Als einer der wenigen, die Schlafplätze außerhalb fester Wände vorzogen war er wohl die letzten Stunden auf der Suche nach eine adäquaten Ruhestätte gewesen und wir sind dann etwas zusammen gerückt um ihn noch mit in der Hütte unterzubringen. Im ersten Moment hatte er uns aber mit seiner roten Kopflampe zu einer doch sehr fortgeschrittenen Stunde einen ordentlichen Schrecken eingejagt, als er über die Kuppe geschnauft kam.
Nach Vierbeinern und Zweibeinern kommen dann logischerweise die Nullbeiner, unsere apoden Reisegefährten. Im Vorfeld hatten wir schon gelesen, dass es in Japan die ein oder andere Schlange gibt und darunter auch einige Nope Ropes und Danger Noodles - giftige Arten also. In den Bergen sind uns dann aber innerhalb von drei Tagen mehr davon begegnet als in 2 Monaten Afrika. Teilweise lagen sie einfach mitten auf dem Weg herum und ließen sich die Sonne auf die lange Plautze scheinen, teilweis lagen sie in Holzstapeln oder Gebüsch am Wegesrand. Auf insgesamt drei Exemplare wäre Francis fast drauf getreten während er "Scotland the Brave" singend den Berg hoch stapfte. Nach ein wenig Internetrecherche konnten wir sowohl harmlose Japanische Vierstreifennattern identifizieren. In zwei Fällen handelte sich um eine Mamushi, eine giftige Grünenotter, wobei ich von einer der Sonnenanbeter auf unserem Gehweg ein recht gutes Foto aus der Nähe machen konnte.
Nachdem wir die Nächte weitestgehend im freien verbracht hatten, haben wir uns in der Stadt Ozu zwischendurch beschlossen mal eine Unterkunft zu gönnen und haben uns in eines der traditionellen Pilger-Gasthäuser, ein Ryokan eingemietet. Typisch ist, dass es keine richtigen Betten gibt sondern der werte Gast seine Schlafstätte selbst mit Matten zu richten hat. Aber dafür hat man die Möglichkeit in einem echt traditionellen japanischen Haus zu übernachten, inklusive der klassischen Türen aus mit Papier bespannten Holzrahmen, deren Wärme- und Geräuschdämmwerte jedem Energieberater Alpträume bereiten werden, sowie einem Koi-Teich in der Mitte des Hauses.
Einen weiteren Luxus den wir uns in Ozu gönnen konnten war ein Onsen - ein spezielles japanisches Badehaus mit Sauna und heißen Bädern. Dort habe ich zuerst mal gelernt, dass der Japaner scheinbar grundsätzlich sitzend auf einem Plastikhocker duscht. Anschließend steht eine Sauna, ein kaltes Bad, ein heißes Bad und ein sehr, sehr heißes Bad zur Auswahl um Geist und Körper einer Grundüberholung zu unterziehen. Dank des Thermometers in meiner Uhr weiß ich jetzt, dass die Bäder deutlich über 40° heiß sind und nach einigen Durchgängen fühlt man sich auch wie ein Sous Vide gegartes Stück Kobe-Rind. Obwohl das Energielevel beim Verlassen des Bades dann gerade noch für den Fußmarsch zurück zum Ryokan ausreicht trägt der Aufenthalt in dem Onsen vermutlich mehr zur Erleuchtung bei als die ganze Marschiererei zu den Tempeln und ich bin mir sicher ich werde diese Bäder zuhause vermissen.
Kleines Leckerbissen für Motorradfans war dann noch ein Cafe mit einem abgeschlossenen privaten Motorradmuseum - inklusive einer Suzuki auf Basis eines Wankelmotors, was mir auch noch nie begegnet war.
Zum Abschluss unserer Pilgerreise gab es dann nochmal ein paar Tempel zu bewundern - einer davon mit einer ziemlich beachtlichen Höhle, die besichtigt werden konnte und mal was ganz Neues unter den Andachtsstädten war.
Morgen geht's dann mit dem Bus zurück nach Osaka bevor wir in drei Tagen dann in die Tottori Präfektur weiter reisen um dort bei einem Naturschutzprojekt Freiwilligenarbeit zu leisten.

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