Toiletten statt Mülleimer
Je länger wir durch die Städte Japans wandeln desto mehr gewinnen wir den Eindruck, dass eines Tages ein seltsam gestimmter Geist sämtliche Mülleimer in öffentliche Toiletten verwandelt hat - und die Japaner haben es einfach bis heute so belassen. Die Anzahl der öffentlichen Toiletten ist wirklich beeindruckend und jedes Geschäft, jedes öffentliche Gebäude, jeder Parkplatz und auch sonst jeder Ort an dem täglich mehr als eine Handvoll Menschen vorbeikommen hat eine öffentliche Toilette. Mülleimer dagegen sucht man häufig absolut vergeblich und ich frage mich bisweilen ob es sich lohnt zu lernen seinen Müll zunächst zu verdauen bevor man ihn loswerden kann. Tatsächlich steht das Unterangebot von Mülleimern aber wohl mit einer Anschlagsserie in den 90er Jahren Zusammenhang, bei denen Seringasbomben in Mülleimern deponiert wurden. Die Konsequenzen müssen Müllbesitzer bis heute tragen.
Roher Fisch statt Gemüse
Die Qualität japanischen Essens wird ja häufig und zurecht gelobt - aber wer keinen rohen Fisch mag wird sicherlich schnell an die Grenzen seiner Begeisterung kommen. So ist es uns mehr als einmal passiert, dass wir in einer Raststätte oder einem kleinen Restaurant einfach das Frühstücksmenü bestellt haben und uns das Ergebnis wenig später in Form eines Thunfisch-Puzzels präsentiert wurde, bei dem der Thunfisch selbst sicher noch nicht in die Nähe einer Wärmequelle, geschweige denn Pfanne gekommen war. Es ist wohl ein Zeichen von Qualität, dass der Fisch so frisch ist, dass man ihn roh essen kann. Ich muss zugeben, dass ich morgens um sieben aber teilweise gerne auf diesen Nachweis verzichtet hätte.
Im Gegensatz dazu gibt es deutlich weniger Gemüse - weder zu den Speisen im Restaurant, noch in den Supermärkten. Stattdessen kommt wohl auch bei pflanzlicher Nahrung die Verbundenheit zu Fischen zum tragen und es sind dann eher Algen und Seegras, die als grüner Snack dienen.
Oldschool statt Hightech
Ich war immer der irrigen Annahme erlegen, Japan sei ein Hightech Land und begegnen hier fliegende Autos und Gassi-gehende Roboter. Damit lag ich aber weit daneben - ich glaube Japan ist das einzige Land neben Deutschland in dem ich noch Fax-Nummern auf Werbetafeln gesehen habe. Auch freie WiFis oder die Verwendung von Apps für Nahverkehr oder Bezahlen sind alles andere als weit verbreitet. Mein favorisiertes Beispiel für das Misstrauen gegenüber der Technik hier findet sich bei Bezahlvorgängen. Grundsätzlich zahlt man fast alles mit Bargeld, dass dann teilweise in einen Automaten geworfen wird. Bevor der Automat dann allerdings das Wechselgeld zurück gibt, zeigt der zunächst noch einmal die zu zahlende und die eingeworfene Geldsumme an und bittet durch Druck einer Taste um Bestätigung, dass er sich nicht verrechnet hat bevor das Wechselgeld ausgezahlt wird.
Gut vorstellbar ist, dass das Lowtech hier auch mit dem Altersdurchschnitt zu tun hat. Außerhalb der Städte auf dem Land ist es nicht ungewöhnlich gewesen, dass im Supermarkt oder im Bus ausschließlich Menschen im Alter von Ende Sechzig Plus unterwegs sind und die sehr gut mit den traditionellen Techniken leben können.
Conveni statt Späti
Der Convenience Store oder "Conveni" nimmt als Institution offensichtlich eine zentrale Rolle im Alltag ein und grade in kleineren Dörfern ist es häufig die einzige Möglichkeit zum Einkaufen - aber dafür gibt es dort wirklich ALLES in einem kleinen Laden, was man irgendwie brauchen kann. Dazu zählen neben Unterwäsche und Hemden auch Handtaschen, Handwärmer, Glühbirnen, Anti-Aging-Creme und Bastelkleber. Es würde mich nicht wundern wenn auf Nachfrage an der Theke auch Fertighäuser und Kurbelwellen für Toyotas zum Verkauf bereit stünden. Einige der Stores haben zusätzlich Sitzecken und die Schüler sitzen dort zum Hausaufgabenmachen oder Menschen arbeiten von dort aus.
Die Preise sind zudem äußerst akzeptabel, es gibt immer einen Geldautomaten und selbstverständlich eine Toilette und dank der 24x7 Öffnungszeiten muss in Japan wohl niemand ohne seine Lieblingsgesichtscreme ins Bett gehen.
Tugendhaft statt Talahon
Japan gilt als eines der sichersten Länder weltweit und das deckt sich durchaus mit unserer Erfahrung - wir konnten unsere Rucksäcke guten Gewissens unbeabsichtigt stehen lassen, wenn wir uns bspw. die Umgebung anschauen wollten und hatten nie Sorge dass etwas abhanden kommen würde. Fahrräder werden hier grundsätzlich nicht abgeschlossen und das Arbeitsgerät auf Baustellen kann auch über Nacht einfach dort belassen werden ohne dass es Beine bekommt. Gleichzeitig ist es äußerst erfrischend in einem Winkel der Welt unterwegs zu sein, in dem die Prävalenz an gefälschten Armani-Cappies, Jogginganzügen und "Sheesh"-Ausrufen erfreulich gering ist. Allgemein kann man feststellen, dass die Japaner ihre Ordnung schätzen - vom Schlangestehen, das strengstens in der Reihenfolge der Ankunft erfolgt über die mit Nagelscheren gepflegten Gärten bis hin zu der Tatsache dass die Straßen blitzeblank und ohne Müll oder Kaugummireste sind.
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