Montag, 14. April 2025

Weiter geht's nach Kochi - oder - im stählernen Nasenbären gen Westen

Nachdem wir uns mit unserem Schlafplatz am Aussichtspunkt über dem Meer zunächst so glücklich geschätzt hatten muss wohl der Geruch unserer Füße die Wassergeister verärgert haben und in der Nacht begann es zu schütten und zu stürmen. Mit so 40-50 km/h Wind von der Seite verwandelte sich dann auch unsere einst so beschauliche Hütte eher in einen regennassen Windkanal und die Aussicht beim zusammenpacken der gut durchweichten aus Campingsachen war schon gleich weniger pittoresk. 
Da für den ganzen Tag ergiebige Regengüsse angesagt waren beschlossen wir uns den Fußmarsch entlang der Uferstraße zu sparen und eine weitere großartige japanische Erfindung in Anspruch zu nehmen: den Tanuki unter den öffentlichen Fortbewegungsmitteln - das Dual Motor Vehicle (DMV).

Als eine Art Zwitterwesen zwischen Bus und Zug ist es zwar nicht mit der Ästhetik eines Shinkansen gesegnet sondern erinnert eher an einen Nasenbären, es scheint jedoch der große Stolz der kommunalen Verkehrsverbünde zu sein. 
Beim Betreten des DMV befindet es sich noch in seiner Bus-Form, doch dann fährt es auf die Schienen vor dem Busbahnhof und mit einer dramatischen Musik wie aus einem Samurai Film und einer ausführlichen Erklärvideo gestaltenwandelt es sich in einen Zug und tuckert von da an mit relativ beschaulichen Tempo über die Schienen.

Auch das Bezahlen funktioniert interessanterweise grundlegend anders als in Deutschland und Japan hat es geschafft, Schwarzfahren faktisch unmöglich zu machen.


Für uns ungewohnt zieht man beim Betreten des Busses oder Zuges einen kleinen Zettel aus einem Automaten, der die Nummer der aktuellen Haltestelle aufgedruckt hat. Vorne beim Fahrer gibt es dann eine große Tafel, die sich mit jeder erreichten Haltestelle aktualisiert und die den jeweiligen Fahrepreis für jede der zuvor angefahrenen Haltestellen Nummern enthält und bezahlt wird erst beim Aussteigen. 
Zugegebenermaßen kann ich mir allerdings vorstellen, dass dieses Konzept bei vielen Fahrgästen schnell an seine Grenzen kommt, wenn Alle beim Aussteigen so furchtbar lange wie wir brauchen um die richtigen Münzen einzeln heraus zu sammmeln und in den dafür vorgesehenen Automaten zu werfen. Der gibt nämlich kein Wechselgeld sondern verschlingt einfach alles was man hinein wirft.

Unsere Busreise hat uns dann zu Tempel Nr. 27 geführt, der hoch über der Stadt auf einem Hügel liegt. Ungefähr einen Kilometer oberhalb des hatten wir im Vorfeld einen Observationsturm ausgemacht, der dort als Teil eines kleinen Parks einen Überblick über die Landschaft geben sollte. Der Weg hinauf war dann zwar im Endeffekt deutlich länger als wir es uns ausgemalt hatten aber wir kamen Grade noch rechtzeitig um von dort einen traumhaften Blick auf den Sonnenuntergang zu haben.

In der Nacht wurde es dann noch Mal richtig frisch - zum Glück hatten wir noch Mal in den Wetterbericht geschaut, denn auf ca 700m über Null waren Temperaturen rund um den Gefrierpunkt angekündigt, sodass wir sehr dankbar waren das wir uns mit unseren Schlafsäcken, die eigentlich für +10° ausgelegt sind in eine Holzhütte unter dem Aussichtsturm verkriechen konnten.

Am nächsten Tag haben wir dann unseren Maskottchen im Tempel noch einen Besuch abgestattet, ihn um seinen deutlich eindrucksvolleren Wanderstab benieden und uns dann ich Richtung der Großstadt Kochi aufgemacht.

Unterwegs sind wir noch durch das Fischerdorf Aki gestolpert, in dem gerade der Fang des Tages verarbeitet wurde. Sicherlich nicht mit den EU-Normen für Lebensmittelhygiene oder olfaktorischem Emissionsschutz zu vereinbaren lag dort der Fisch zu trocknen in der Sonne und warf die Frage bei uns auf, welche Dosis an Möwenkot in einem hochwertigen Sushi vertretbar sei.


In Kochi angekommen mussten wir das ausprobieren, was für den Japaner wahrscheinlich sein Ersatz zur Tiefkühlpizza ist: Fertig-Ramen aus dem Automaten mit deinem bedenklich niedrigen Preis von umgerechnet ungefähr 2€

Abgesehen davon, dass der Automat so aussah als sei er im zweiten Weltkrieg schon an der Front zum Einsatz gekommen waren wir wohl zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig verwöhnt und meine Begeisterung für diese kulinarische Notlösung hielt sich stark in Grenzen.
Einen weiteren Superlativ in Japan konnten wir in der Zwischenzeit ausmachen - Japan hat ganz sicher die langsamsten Rettungswagen der Welt. Nachdem uns in Kochi mehrere davon über den Weg gefahren sind bin ich überzeugt, dass das schnelle Eingreifen des Rettungsdienstes kein Grund für das hohe Durchschnittsalter sein kann. Der Fahrer sitzt jeweils mit einer Miene absoluten Pflichtbewusstseins am Steuer und bugsiert diese Wagen, die wie alles hier winzig sind mit einer solchen Vorsicht durch die Hauptverkehrsstraßen, dass er dafür in deutschen Spielstraßen vermutlich mehrfach eine Lichthupe kassiert hätte. Aber wahrscheinlich ist das auch Teil der gegenseitigen Rücksichtnahme hier - oder die sehnigen Japaner lassen sich von so etwas wie einem Herzinfarkt einfach nicht so schnell aus der Ruhe bringen.



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