Donnerstag, 12. Juni 2025

Zurück zur Fähre - oder - die Heimfahrt vom Winde verweh(r)t

Nach den Tagen in den Westfjorden glich der Campingplatz in Vik einer blechernen Sardinenbüchse. Bei einem Städtchen mit 300 Einwohnern hat der Campingplatz Stell- und Zeltplätze für insgesamt 250 Camper, die dicht gepackt vor allem für den Island Reynisfjarna Strand mit seinem schwarzen Sand und berühmten Basaltsteinsäulen ihr dasein in verschiedensten Formen mobiler Wohngelegenheiten fristen. 
Auf den Weg nach Vik war uns bereits aufgefallen, dass der Wind deutlich zugenommen hat. Auf digitalen Anzeigen entlang der Straße waren dort schon Windgeschwindigkeiten von immerhin 22 m/s (also ca. 80km/h) zu lesen gewesen. In manchen Teilen von Deutschland wahrscheinlich schon Grund genug die Gartenmöbel anzupflocken und Sturmwarnungen herauszugeben, in Island vermutlich eine angenehme Böe in der der Wäsche schneller trocknet. 
Mit zunehmender Uhrzeit wurde der Wind jedoch immer stärker, was wir zum Anlass nahmen, dann doch noch Mal das Wetter für die Nacht zu prüfen und siehe da - in der Nacht war sogar für isländische Verhältnisse ein ausgewachsener Sturm angesagt. Angesagte Windböen von 114 km/h versprachen zwar einerseits trockene Wäsche am nächsten Tag aber auch eine interessante Belastungsprobe für unsere Zelte.




Ebenfalls auf dem Zeltplatz war eine Familie mit einem großen 6-Personenzelt mit Stehhöhe, das schon bedenklich im Wind wackelte. Auch die ambitionierten Versuche die wilden geometrischen Formen des von Zeltplanen umspannten Körpers mit Hilfe von Heringen und zusätzlichen Leinen wieder in zylindrische Bahnen zu lenken waren vergebens. Schon am frühen Abend mussten die Eigentümer mit sowohl geknickter Stimmung als auch Zeltstangen von dannen ziehen.
Mit voranschreitennder Uhrzeit nahm der Wind dann auch immer weiter zu uns in der Nacht registrierte die Wetterstation in dem Städtchen Vik Windgeschwindigkeiten von 107 km/h. Auch unsere Zelte verformten sich ganz schön ordentlich bei den Böen und nachts wachte ich immer wieder von einer feuchten Ohrfeige meiner Zeltwand auf, die mir ins Gesicht gepustet wurde. Nicht alle Konstruktionen überlebten die Nacht und das ein oder andere Zelt verwandelte sich in ein Luftschloss.
Am nächsten Tag war erstaunlicherweise deutlich mehr Platz auf der Zeltwiese als Tags zuvor unde ein paar Reste waren noch am Boden festgepinnt.
Wir hatten glücklicherweise Windschutz an der Steilklippe gesucht, die uns sicherlich vor einem Teil des Windes bewahrt hat. Aber wirklich erholsam war der Schlaf dann trotzdem nicht.
Ursprünglich war ein Nachlassen des Windes für Nachmittags angesagt gewesen, sodass wir uns zumindest den Vormittag damit vertreiben wollten, die typischen schwarzen Strände zu besichtigen. Mit dem Wind genau ablandig waren die sonst recht imposanten Wellen auf ein Minimum zusammengeschrumpft, aber dafür wurden unsere Waden am Strand durch den Rückenwind gesandstrahlt. Als wollte sie sich davon überzeugen, dass heute kein guter Tag ist, eine Flosse vor die flüssige Haustür zu setzen streckte eine Robbe dann noch den Kopf aus dem Wasser. 

In dieser Zeit wurde die Website des Isländischen Straßenamts zu unserem stetigen Begleiter und in engmaschigen Abständen riefen wir die Live Daten der Windmesser entlang der nächsten Straßenkilometer ab. Das wenig zuversichtlich stimmenden Ergebnis war, dass entlang der Straße südlich des Skaftafell-Nationalpark vereinzelt in Böen Windgeschwindigkeiten von 45 m/s gemessen wurden - also über 160km/h. Und auch wenn das die Extreme waren, so gab es regelmäßig Böen mit immerhin über 120 km/h. Kein wirklich prickelndes Wetter für ein Fortbewegungsmittel, das aufgrund der  physikalischen Unannehmlichkeit einer einzelnen Achse wenig Spurstabilität zeigt wenn mehr Wind von der Seite als von vorne kommt.
Nach dem Abendessen zeichnete sich dann eine leicht Verbesserung der Verhältnisse ab und es wurden "nur" noch ca. 80 km/h Wind gemessen. Mit Blick auf die Tatsache, dass es Dienstag war, wir am Donnerstag morgen eine Fähre besteigen wollten und noch fast 500km vor uns hatten wollten wir dann versuchen, das Fenster zu nutzen und wenigstens einen Hüpfer zum nächsten Campingplatz zu machen.
Es stellte sich heraus, dass wir nicht wirklich auf das vorbereitet waren, was uns nach dem Verlassen des Windschattens der Klippen erwarten würde.
Nachdem wir schon mit einem wenig guten Gefühl los gefahren waren mussten wir dann schnell feststellen, dass der Wind weniger abgenommen hatte als vermutet. Wenn uns eine Böe traf wurden wir einmal über die gesamte Breite unserer Spur gespült. Mit Wind von links fuhren wir so schon direkt am Mittelstreifen, aber einen Windhauch später fanden wir uns dann fast am rechten Seitenstreifen wieder. Ein außenstehender Beobachter hätte eine eine bestechende Ähnlichkeit mit den schwankenden Passagieren auf der Fähre festgestellt. Nachdem auf der linken Seite dann unser Windschutz in Form der Klippe zur Neige ging und wir voll dem Wind ausgesetzt waren wurde es uns dann doch etwas zu wild und bei dem Versuch den Rückweg anzutreten wurde dann auch eines unserer Mopeds einfach weg gepustet.

Es stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach ist bei sturmartigen Wind von der Seite so ein Motorrad wieder auf seine Gummibeine zu stellen, aber glücklicherweise war nichts kaputt und im Schneckentempo traten wir dann einen den Rückweg zum altbekannten Campingplatz an. Nachdem der Versuch schon mal nicht geglückt war konnten wir nicht umhin uns zu fragen, was wir wohl machen würden wenn das Wetter morgen immer noch nicht besser wäre und der Rückweg zur Fähre vom Winde verweh(r)t bleibt. 
Nach einer Nacht mit weiteren weg gewehten Zelten checkten wir bei eienm frühen Frühstück die Wetterbedingungen und waren wenig begeistert, dass immer noch zwischen 90 und 98 km/h gemessen werden. Einziger Lichtblick war, dass der Wind nicht mehr 90° genau von der Seite kam sondern etwas gedreht hatte und mit 45-60° etwas weiter von hinten kam. 
Half ja auch alles nix - wir mussten zur Fähre und bis dahin waren es noch 8 Stunden Fahrt. Direkt eine Viertelstunde nach der Abfahrt kamen wir zu der Stelle, an der wir gestern ein Moped in die stabile Seitenlage verfrachtet hatten und dort wartete ein ausgewachsener Sandsturm auf uns. Als würde man in eine Gelbe Wand einfahren verbreitete die Sichtweite von ca. 10-20m und das Rauschen des Windes eine absolute Endzeitstimmung. Nach einer Halben Stunde Fahrt durch eine Mischung aus Windkanal und Sandkasten wurde zumindest die Sicht besser aber der Wind war immer noch so stark, dass wir selbst in Rechtskurven eine spürbare Schräglage nach links hatten um den Wind auszugleichen. Nach circa einer Stunde hatten wir einen weiteren Stop eingeplant um noch ein letztes Mal den Wind für den notorisch windigen vor uns liegenden Abschnitt zu checken. 
Und was ist gruseliger als eine Sandsturm Durchquerung? Genau, drei Standsturm Durchquerungen. Und um genau diesen Punkt unter Beweis zu stellen hatte einer von uns sein Handy am Campingplatz zurück gelassen das wir dann noch wieder einsammeln mussten, was uns  die Chance gab, noch einmal zu prüfen ob ein Sandsturm mit Wind von rechts oder mit Wind von links angenehmer ist. Rechts ist besser.
Diese kleine Eskapade später wurde das Wetter dann noch richtig freundlich, der Wind wurde etwas angenehmer und wir hatten eine tolle Aussicht auf die gigantischen Gletscher.


Langsam aber sicher arbeiteten wir uns vor bis wir es nach vielen Stunden und einer Begegnung mit einem Rudel Rentiere endlich nach Egilsstadir geschafft hatten. Auf den letzten Meter hatte es noch Mal angefangen richtig zu regnen und bei einem Kakao in einem Supermarkt wollten wir uns ein wenig auftauen. 
Das fast schon reflexhafte Checken des Wetters ergab dann, das wir für den späten Abend wieder mal etwas Schnee erwarteten. Mit dem festen Vorsatz, unser Boarding der Fähre jetzt nicht dem nächsten Wetterphänomen opfern zu wollen machten wir uns zügig auf den Weg die letzten 20km zum Campingplatz direkt neben dem Fähranleger zu absolvieren.
Aber schon beim Verlassen der Stadt Egilsstadir und dem Blick auf die digitalen Wetteranzeigen wurden wir etwas stutzig. 0° Celsius und 70km/h Wind - das war doch eigentlich erst in zwei Stunden vorhergesagt. Und wieder mal waren wir unserer Zeit voraus und nachdem schon so begeistert den Sandsturm absolviert hatten, sollten wir an dem Tag die Gelegenheit bekommen auch noch seinen großen Bruder, den Schneesturm kennen zu lernen. Und so fanden wir uns sehr schnell in einer Szenerie wieder, wie man sie gerne in Weihnachtsfilmen sehen möchte, aber nicht auf einem Zweirad, nach nunmehr bereits zehn Stunden Fahrt und mittlerweile doch in Mitleidenschaft gezogenen Hinterreifen. 
Es lagen dann sehr schnell so 5 cm Schneematsch auf der Straße und der Hinterreifen war wenig begeistert von seinem neuen Arbeitsplatz und beschloss dementsprechend durch zu drehen.  Also haben wir uns versucht in einer Spur zu halten, die von vorausfahrenden Autos in den Matsch gefräst worden ist und waren dankbar für die Erfahrungen mit rutschigen Untergründen die wir die Tage zuvor sammeln durften. Wie durch ein Wunder haben wir die Rutschpartie überlebt ohne dass eines der Motorräder wieder auf die Seite gelegt wurde.
Das Bild hier ist entstanden, nachdem wir auf der gegenüberliegenden Seite aus dem Schneesturm hinaus waren, aber man kann vielleicht noch erkennen dass sich da die ein oder andere Flocke am Windschild festgesetzt hat.
Zurück am Ausgangspunkt in Seydisfjodur waren wir erst Mal glücklich, dass wir es zurück geschafft haben. Dort haben wir noch eine Gruppe Motorradfahrer getroffen, die zwar vor uns angekommen und somit diesen Wintereinbruch übersprungen hatten. Die hatten aber die die Insel in umgekehrter Richtung wie wir umrundet und durften dafür die letzten Tage in vorweihnachtlichem Winterwunderland zubringen und waren wenig begeistert vom Wetter.
Zurück auf der Fähre hatten wir dann noch einen kleinen Glücksmoment, als wir uns beim Pub Quiz in der Schiffsbar widererwartend den ersten Preis sichern konnten und das Wissen welche Farbe Micky Mouse`s Schuhe haben endlich gut für etwas war. Als Belohnung gab's dann pro Nase zwei Freibier und die konnten wir nach der ganzen Aufregung auch wirklich gut gebrauchen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen