Samstag, 19. April 2025

Von Kochi zum Kap Ashizuri - oder - wenn aus "nach Möglichkeit wenden!" wird "nach Möglichkeit Wände!"

In Kochi angekommen hatten wir zunächst einmal eine Mission - Francis brauchte eine neue Isomatte, da seine alte durch Inkontinenz sein Missfallen erregt hatte. Zum Glück gab es in der Stadt mit deutlich über 300.000 Einwohnern zumindest einen zwar winzigen aber gut sortiert Outdoor-Laden. 
Die Tatsache, dass es nur ein einziger ist verdeutlicht wiederum die Tatsache wie wenig sich der durchschnittliche Japaner sich für das Outdoor-Leben begeistern können. Nach mittlerweile zwei Wochen, die wir täglich unterwegs sind ist uns außerhalb der Städte auch genau zweimal jemand begegnet, der nicht entweder selbst auf Pilgerreise war oder irgendwelche Arbeiten an seinem Bonsai-Garten oder anderen Besitztümern zu verrichten hatte. Wandern oder überhaupt in der Natur zu sein scheint wirklich nicht verbreitet zu sein und wir rätseln ob es damit zu tun hat dass die vorgewärmte Outdoor-Toilette noch nicht erfunden ist.

Eine weitere Kuriosität, die wir beobachten konnten waren die hängenden Zapfsäulen von Kochi. Vermutlich ist es wieder nur ein schnödes Mittel um Platz zu sparen, aber ich möchte daran glauben, dass es sich um eine Vorstufe zur Verbreitung des Bat-Mobil handelt.

Nach dem Stop in Kochi geht's für uns zunächst mit dem Bus in Richtung des Kap Ashizuri - der südwestlichen Spitze der Insel Shikoku. Da wir mit unseren nur 3 verfügbaren Wochen statt der eigentlich erforderlichen 8 Wochen einige Stücke überspringen müssen entscheiden wir uns unter anderem für das Stück an der Südküste da dort nur stumpfes marschieren auf Küstenstraßen angesagt wäre.
Wir gondeln also mit dem Bus nach Iburi und interessant zu sehen ist, dass es auch in Japan kleine Surfer Städte gibt und dass die Leute dort teilweise sogar ein bisschen Englisch sprechen. Zu Fuß geht es dann das Kap herunter und die Flora und Fauna verändert sich deutlich zu den Tagen davor. Wo die Wälder sonst aus Zypressen und Fichten bestanden und die hohen Nadelbäume zwischen ihren Stämmen großzügige Manövrierflächen gelassen haben ist es im Südwesten fast schon Jungle-ähnlich zugewuchert.
Scheinbar nimmt das mit dem Zuwuchern wohl zwischendurch etwas überhand, sodass in regelmäßigen Abständen Astscheren ausgelegt waren, damit der Landschaftsgärtnerisch interessierte Pilger etwas zur Erhaltung des Wanderwegs beitragen kann.

Auch ein paar neue Tiere und Pflanzen begegnen uns zum ersten Mal und so haben wir zum Beispiel endlich mal einen der grünen Gesellen zu Augen bekommen, die wir sonst nur aus den Reisfeldern quaken hören.

Auf dem Weg zum Kap gab's dann noch ein kleines Missverständnis zwischen uns und Google Maps - ganz offensichtlich hatten wir unterschiedliche Vorstellungen für den Maßstab davon wo eine Abkürzung aufhört und eine unpassierbare Route anfängt ... Letztlich hat sich herausgestellt, dass unsere "Abkürzung" im Endeffekt fast eine Stunde länger gedauert hat - aber wir konnten Google dann im Endeffekt doch nicht recht behalten lassen.

Im Endeffekt haben wir es dann doch bis an die Südspitze geschafft, die ästhetisch wertvoll von einem Leuchtturm gekrönt wird. Darum herum führen lauter kleine Wege von denen man einen wunderbaren Blick auf die Steilküste hat.
Auf dem Weg zurück ist uns dann ein Kamerad begegnet um den wir einen großzügigen Bogen gemacht haben - auch wenn ich nicht sagen kann ob oder wie giftig diese Danger Noodle ist, wollte ich mich jetzt bei ihr auch nicht dadurch unbeliebt machen dass ich ihren Mittagsschlaf störe.
Zu guter Letzt haben wir uns dann wieder einen Schlafplatz mit einem Meerblick gesucht, der wahrscheinlich für ein Hotel unbezahlbar gewesen wäre. Wir hoffen dass die Wassergeister sich mittlerweile an unsere Füße gewöhnt haben und auf den nachfolgenden Regenschauer diesmal verzichten können.

Montag, 14. April 2025

Weiter geht's nach Kochi - oder - im stählernen Nasenbären gen Westen

Nachdem wir uns mit unserem Schlafplatz am Aussichtspunkt über dem Meer zunächst so glücklich geschätzt hatten muss wohl der Geruch unserer Füße die Wassergeister verärgert haben und in der Nacht begann es zu schütten und zu stürmen. Mit so 40-50 km/h Wind von der Seite verwandelte sich dann auch unsere einst so beschauliche Hütte eher in einen regennassen Windkanal und die Aussicht beim zusammenpacken der gut durchweichten aus Campingsachen war schon gleich weniger pittoresk. 
Da für den ganzen Tag ergiebige Regengüsse angesagt waren beschlossen wir uns den Fußmarsch entlang der Uferstraße zu sparen und eine weitere großartige japanische Erfindung in Anspruch zu nehmen: den Tanuki unter den öffentlichen Fortbewegungsmitteln - das Dual Motor Vehicle (DMV).

Als eine Art Zwitterwesen zwischen Bus und Zug ist es zwar nicht mit der Ästhetik eines Shinkansen gesegnet sondern erinnert eher an einen Nasenbären, es scheint jedoch der große Stolz der kommunalen Verkehrsverbünde zu sein. 
Beim Betreten des DMV befindet es sich noch in seiner Bus-Form, doch dann fährt es auf die Schienen vor dem Busbahnhof und mit einer dramatischen Musik wie aus einem Samurai Film und einer ausführlichen Erklärvideo gestaltenwandelt es sich in einen Zug und tuckert von da an mit relativ beschaulichen Tempo über die Schienen.

Auch das Bezahlen funktioniert interessanterweise grundlegend anders als in Deutschland und Japan hat es geschafft, Schwarzfahren faktisch unmöglich zu machen.


Für uns ungewohnt zieht man beim Betreten des Busses oder Zuges einen kleinen Zettel aus einem Automaten, der die Nummer der aktuellen Haltestelle aufgedruckt hat. Vorne beim Fahrer gibt es dann eine große Tafel, die sich mit jeder erreichten Haltestelle aktualisiert und die den jeweiligen Fahrepreis für jede der zuvor angefahrenen Haltestellen Nummern enthält und bezahlt wird erst beim Aussteigen. 
Zugegebenermaßen kann ich mir allerdings vorstellen, dass dieses Konzept bei vielen Fahrgästen schnell an seine Grenzen kommt, wenn Alle beim Aussteigen so furchtbar lange wie wir brauchen um die richtigen Münzen einzeln heraus zu sammmeln und in den dafür vorgesehenen Automaten zu werfen. Der gibt nämlich kein Wechselgeld sondern verschlingt einfach alles was man hinein wirft.

Unsere Busreise hat uns dann zu Tempel Nr. 27 geführt, der hoch über der Stadt auf einem Hügel liegt. Ungefähr einen Kilometer oberhalb des hatten wir im Vorfeld einen Observationsturm ausgemacht, der dort als Teil eines kleinen Parks einen Überblick über die Landschaft geben sollte. Der Weg hinauf war dann zwar im Endeffekt deutlich länger als wir es uns ausgemalt hatten aber wir kamen Grade noch rechtzeitig um von dort einen traumhaften Blick auf den Sonnenuntergang zu haben.

In der Nacht wurde es dann noch Mal richtig frisch - zum Glück hatten wir noch Mal in den Wetterbericht geschaut, denn auf ca 700m über Null waren Temperaturen rund um den Gefrierpunkt angekündigt, sodass wir sehr dankbar waren das wir uns mit unseren Schlafsäcken, die eigentlich für +10° ausgelegt sind in eine Holzhütte unter dem Aussichtsturm verkriechen konnten.

Am nächsten Tag haben wir dann unseren Maskottchen im Tempel noch einen Besuch abgestattet, ihn um seinen deutlich eindrucksvolleren Wanderstab benieden und uns dann ich Richtung der Großstadt Kochi aufgemacht.

Unterwegs sind wir noch durch das Fischerdorf Aki gestolpert, in dem gerade der Fang des Tages verarbeitet wurde. Sicherlich nicht mit den EU-Normen für Lebensmittelhygiene oder olfaktorischem Emissionsschutz zu vereinbaren lag dort der Fisch zu trocknen in der Sonne und warf die Frage bei uns auf, welche Dosis an Möwenkot in einem hochwertigen Sushi vertretbar sei.


In Kochi angekommen mussten wir das ausprobieren, was für den Japaner wahrscheinlich sein Ersatz zur Tiefkühlpizza ist: Fertig-Ramen aus dem Automaten mit deinem bedenklich niedrigen Preis von umgerechnet ungefähr 2€

Abgesehen davon, dass der Automat so aussah als sei er im zweiten Weltkrieg schon an der Front zum Einsatz gekommen waren wir wohl zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig verwöhnt und meine Begeisterung für diese kulinarische Notlösung hielt sich stark in Grenzen.
Einen weiteren Superlativ in Japan konnten wir in der Zwischenzeit ausmachen - Japan hat ganz sicher die langsamsten Rettungswagen der Welt. Nachdem uns in Kochi mehrere davon über den Weg gefahren sind bin ich überzeugt, dass das schnelle Eingreifen des Rettungsdienstes kein Grund für das hohe Durchschnittsalter sein kann. Der Fahrer sitzt jeweils mit einer Miene absoluten Pflichtbewusstseins am Steuer und bugsiert diese Wagen, die wie alles hier winzig sind mit einer solchen Vorsicht durch die Hauptverkehrsstraßen, dass er dafür in deutschen Spielstraßen vermutlich mehrfach eine Lichthupe kassiert hätte. Aber wahrscheinlich ist das auch Teil der gegenseitigen Rücksichtnahme hier - oder die sehnigen Japaner lassen sich von so etwas wie einem Herzinfarkt einfach nicht so schnell aus der Ruhe bringen.



Samstag, 12. April 2025

Vom Berg zur See - oder - statt "Instant Karma", "Karma-Insta"

Die letzten Tage führten uns weitestgehend weiter durch die Berge - insbesondere weil wir beschlossen hatten einen Teil des Weges, der durch die größeren Städte im Nordosten der Insel führt zu umgehen.

Wie ich anhand dieser mäßig professionellen Karte zu verdeutlichen suche geht der Weg ursprünglich wieder ein Stück nach Norden Richtung Tokushima in Richtung einer Industrie Städte. Wir hingegen haben uns entschlossen den Cyanfarben
eingezeichneten Weg direkt durch die Berge zu nehmen und die Städte auszulassen um direkt zu Tempel Nr. 20 zu kommen.




 Bei diesem Tempel und dem darauffolgenden Tempel Nr. 21 handelt es sich um einen Henro korogashi (遍路ころがし), übersetzt “where pilgrims fall”, also wieder einer halbwegs steilen Angelegenheit, bei der man wieder den ein oder anderen Hügel zu bezwingen hat.  Viele ältere Japaner quälen sich dort tapfer die Stufen hinauf und werden oben dann von den verschiedensten Buddha Varianten begrüßt.

Besonders hübsch war bei diesem Tempel ebenfalls, dass er im Hauptgebäude lauter hell erleuchtete Laternen unter der Decke hängen hatte. Das Innenleben der Tempel ist fast immer ausschließlich in Gold gehalten und bekommt durch die Beleuchtung von oben einen interessanten Glanz.



Immer wieder erregt unser doch recht umfangreiches Gepäck Aufmerksamkeit, doch bei Tempel 21, dem Tairyu-ji Tempel kam auch einer der Mönche in seiner gelben Robe auf uns zu und schaute und an als sein wir von allen guten Daikins verlassen, bis wir ihm dann erklärten, dass das nicht alles nur Essen sei sondern auch Camping Equipment. Darauf hin zückte er dann aus einer seiner Falten der Robe eine old school Digitalkamera und fragte ob es für uns in Ordnung sei auf dem Instagram Kanal seines Tempels aufzutauchen.Obwohl der Mönch wirklich nicht aussah wie ein klassischer Influencer bin ich gespannt ob wir uns bald auf seinem Kanal wiederfinden.
Als Tip zum Abschied gab er uns noch mit, dass 20 Min entfernt ein Aussichtspunkt ist, der für unsere anstehende Mittagspause ideal geeignet sei. Auch dort wieder hatte sich jemand die Mühe gemacht, einen bronzenen Buddha über das Tal wachen zu lassen, aber es schien ihn nicht weiter gestört zu haben, dass wir uns mit einem eingelegten Ei und ein in Reis eingepackten Meeresgetier zu ihm gestellt haben.


Nach einer weiteren Nacht in den Bergen führte uns die Straße in die Nähe der Küstenregion. Hier wird insbesondere deutlich, dass die Landwirtschaft hier vollkommen anders zu funktionieren scheint als in unseren Breiten. Vielfach sind dort winzige Felder, die jeweils von einzelnen Personen mit ebenso winzigen Maschinen bearbeitet werden. 

Heute war vielerorts scheinbar der Tag des Reis pflanzens, sodass wir an ganz vielen Felder ganz viele Treckerchen dabei beobachten konnten, wie frische Reispflanzen in die überfluteten Reisfelder eingesetzt wurden.
Außerdem scheint jedes Haus über mindestens einen Gemüsegarten zu verfügen, der stets wohlgepflegt ist und die unterschiedlichsten Nutzpflanzen beherbergt - aktuell ganz offensichtlich überwiegend Kohl.
Neben Pflanzen sind uns mittlerweile auch einige wilde Tiere über den Weg gelaufen. Eines, das auch in der lokalen Folklore wohl eine große Rolle spielt ist der japanische Marderhund oder Tanuki. Ein äußerst wuscheliger Geselle, den wir auf einer Orangenplantage durchs Gelände haben hüpfen sehen und der an eine Mischung aus Waschbär und Fuchs erinnert. Der Sage nach soll der Tanuki seine Gestalt wandeln können und sich in Menschen verwandeln können um ihnen dann Streiche zu spielen.

Abgesehen davon wieselte heute sich ein Wiesel vor unseren Füßen entlang und eine Fülle an Schmetterlingen und das Gequake von zahllosen Fröschen begleitet uns.
Letztendlich hat uns der Weg jetzt wieder zu Küste gebracht und wir durften heute den Tag weitestgehend an Stränden entlang spazieren.


Nach heute mal gut über 40.000 Schritte haben wir das große Glück, kurz nach Sonnenuntergang nocjd eine absolute Luxus Unterkunft gefunden zu haben. Eine Aussichtsplattform mit einer wunderbaren Sicht auf das Meer soll für heute unsere Schlafstädte sein und wir sind äußerst dankbar, dass wir hier ganz verlassen und einige Kilometer entfernt vom nächsten Ort unser Lager aufschlagen können.